Cassandras Kopfkino
Montag, 11. Dezember 2006
AUFARBEITUNG DER VERGANGENHEIT
mal wieder
cassandra, Montag, 11. Dezember 2006, 14:02
Filed under: Begegnungen
Mr. Binto hatte eine ungebändigte Mähne gekräuselter langer schwarzer Haare. Seinen Bart trug er genauso lang und so blieb vom Gesicht nicht mehr viel übrig als zwei kleine dunkelbraune Augen, die immer ganz lieb schauten. Vermutlich waren ein paar hispanische Einflüsse in sein Blut geschwappt. Ich habe ihn nie gefragt.
Nur durch Zufall geriet ich in sein Reich. Eigentlich hatte ich mir für die erste Stunde in der amerikanischen Highschool einen Computerkurs ausgesucht, aber schon nach dem ersten Besuch war klar, dass dies nichts für mich ist. Zurück im Administrationsbüro stellte die Koordinatorin für uns Austauschschüler fest, dass alle Kurse voll waren. Der einzige freie war der Einführungskurs Fotografie bei Mr. Binto.

Mr. Binto hatte nicht nur sehr liebe Augen, er war auch ein ungemein friedfertiger Mensch, dessen anarchischen Lehrmethoden seinen Schülern das Gefühl vermittelte, auf dem amerikanischen Pendant einer Waldorfschule gelandet zu sein.
Da es die allererste Stunde am Morgen war, brachte er tagtäglich frische Doughnuts mit. Nach gemeinsamen Frühstück, ging jeder seiner Wege. Wir konnten in der Dunkelkammer arbeiten oder das Gebäude verlassen, um draussen an unseren Assignments zu arbeiten. Diese Assignments sahen so aus, dass wir alle paar Wochen ein Thema bekamen, zu dem wir dann Fotos machen sollten. Ob nun in unserer Freizeit oder während der Stunde war ihm egal, so lange wir zum angegebenen Zeitpunkt unsere Arbeiten zur Benotung abliefern konnten. Er deckte uns auch, wenn wir uns selbstständig nach seinem Unterricht von den weiteren Stunden befreiten und stattdessen einfach den Rest des Tages in der Dunkelkammer verbrachten. Ab und zu gab es die so genannten Lectures, wo er bestimmte Techniken erklärte und vorführte. Aber auch darüber hinaus konnte man jederzeit eine persönliche Vorführung erfragen, wenn es um Inhalte ging, die erst im zweiten oder dritten Jahr auf dem Lehrplan standen. Durch seine zurückhaltene Art, die uns alle Möglichkeiten bot, aber deren Annahme nicht erzwang, erwachte damals bei mir die Liebe zur Fotografie. Ich vergötterte Mr. Binto und er gab mir ausschließlich Einsen (eigentlich "A"s), weil "wir Deutschen so unglaublich fleissig sind und nicht wie seine anderen Schüler auf ihrem fetten, faulen, amerikanischen Ärschen sitzen blieben".
Ich war derart in mein neues Hobby vernarrt, dass ich mit einem signierten Print als Abschiedsgeschenk von meinem von mir zu meinem Mentor erkorenen Mr. Binto und den Wunsch, Fotografin zu werden, in die Heimat zurückkehrte.

Vor ca. 5 Jahren besuchte ich das letzte Mal die USA und da ich zwar dank der Diskussionen mit meinen Eltern keine professionelle Fotografin geworden, aber meinem Hobby nach wie vor frönte, wollte ich meinen ehemaligen Lehrer wiedersehen und für seine Inspiration danken.
Im Sekretariat der Highschool hatte man jedoch leider kein Interesse, mir bei meiner Suche nach Mr. Binto zu helfen. Man erklärte mir nur unwirsch, dass er den Schuldienst quittiert hätte und verwies mich des Büros. Wenig später kamen mir dann Gerüchte zu Ohren, dass Mr. Binto Regisseur geworden wäre. In der Pornofilmindustrie. Und das dies das große Thema in der Schule wäre und man diese Peinlichkeit dort gerne unter den Teppich kehren würde.
Die Neuigkeit erstaunte mich. Nicht das ich ein Problem mit dem neuen kreativen Schaffensfeld meines ehemaligen Mentoren hätte, sondern eher weil ich mir beim besten Willen nicht die Resultate des leicht-hippiesken Künstlers, der mit Vorliebe alte indianische Zeichnungen an den Felswänden von New Mexicos Höhlen fotografierte, vorstellen konnte. Ich suchte damals sogar in Netz nach den Filmchen meines Lehrers. Doch erfolglos. Vermutlich arbeitete er unter einem Pseudonym.

Während meines Urlaubs wollte ich nun dem Mysterium auf den Grund gehen. Nicht aus purer Neugier, sondern weil ich aus 13 Jahren deutschen Schulbesuches gerade mal den Namen eines Lehrers wohlwollend im Kopf behalten habe, während es aus meinem Highschooljahr gleich zwei gibt, die mich beeinflusst haben, an die ich mich liebevoll erinnere und die die amerikanische Schule zu mehr als einem Ort der sozialen Kontaktanbändelung und Zeitvertreib in einer ansonsten recht öden amerikanischen Stadt im Südwesten der USA gemacht hatten.

Zuerst traf ich mich mit Mr. Alder, meinem Speech/Debate Lehrer und dem zweiten meiner Highschoolidole zum Frühstück. Ihn befragte ich dann auch zur angeblichen Pornokarriere von Mr. Binto.
Mr. Alder zögerte ein wenig, bevor er mit der Wahrheit herausrückte. Die sah ein wenig differenziert aus. Mr. Binto hatte tatsächlich gekündigt, jedoch nicht, um Pornos zu drehen, sondern um sich als Fotograf zu verwirklichen. Vollkommen unbedarft hatte er sein Können auf einer eigenen Homepage angepriesen und seine Dienste als Fotograf auf Hochzeiten, Familienfeiern, etc. angeboten. Unter anderem hatte er auch "Erwachsenenfotos" in sein Repertoire aufgenommen. Wenn also George mal keine Ahnung hat, was er seinem Schätzchen zum Geburtstag schenken könnte, da sie sich eh' immer alles selber kaufte, konnte er Mr. Binto buchen, um in Leopardenstring (oder auch ohne) auf einem Bärenfell zu posieren. Die Beschenkte könnte sich das Foto dann über den häuslichen Kamin hängen und alle Freunde, Nachbarn und Bekannte, die zu Besuch kämen, wären neidisch und würden ihre Partner zwingen, sich ebenfalls in erotischen Posen ablichten zu lassen. So ähnlich hatte sich das zumindest wohl Mr. Binto gedacht. Leider hatte er jedoch keine Modelle, die sich für Fotos zur Verfügung stellten, um diese Dienstleistung auf seiner Webpage anzubieten. Also fotografierte er sich und seine Frau. Und da amerikanische Highschoolschüler nicht ganz so dumm sind, wie man irrtümlich glaubt, zumindest, wenn es ums Internet geht, wurde rasend schnell ein Link zur Seite in seiner einstigen Schule verbreitet, die ein Foto vom ehemaligen Lehrer in ganzer Pracht zeigte. Das Entsetzen oder auch der Spaß war riesig, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtete.
Leider wusste Mr. Alder nicht, was nun aus meinem Mentor geworden war, aber er ermutigte mich, Kontakt zu ihm aufzunehmen und dabei war das Telefonbuch freundlicherweise recht nützlich.

Am Tag vor unserem Heimflug trafen wir uns mit ihm und Mrs. Binto.
Er unterrichtet wieder, allerdings hat er sich den Zeiten angepasst, der Fotografie den Rücken gekehrt und sich auf digitale Bildbearbeitung spezialisiert.
Ich war ein wenig enttäuscht, da ich gehofft hatte, dass er noch immer leidenschaftlich fotografierte und meine Begeisterung teilen könnte. Mit seiner Karriere als Fotograf hatte es nicht so recht geklappt und obwohl seine Bilder auf diversen Ausstellungen gezeigt wurden, hatte er keine verkaufen können. Seine Frau beeilte sich, ihn zu korrigieren und erinnerte ihn daran, dass er ja durchaus Geld mit ein paar Aufnahmen verdient habe, doch er zuckte nur mit den Schultern und lächelte. Leben konnte man davon nicht und so war er sehr froh, als er auf einer Ausstellung von einem Bekannten angesprochen wurde, der ihm einen Aushilftsjob in einer Schule anbot. In den letzten Jahren war daraus eine Festanstellung geworden. Die Arbeit und die beiden kleinen Enkel hielten ihn und seine Frau auf Trapp, so dass er kaum noch zum Fotografieren kam. "Und dabei wollte ich immer mal nach Europa reisen, um mir den Kontinent anzusehen und Fotos zu machen. Na ja. Vielleicht mache ich das ja, wenn ich im Ruhestand bin." Ich bestand darauf, dass er mich besuchen käme, wenn es denn so weit wäre. Und dann lächelte er und seine kleinen braunen Augen, die aus dem Gewirr seiner inzwischen ergrauten Haarpracht herauslugten, wirkten nicht mehr ganz so traurig.

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Mittwoch, 12. Juli 2006
VON MEMMEN UND MÄUSEN
cassandra, Mittwoch, 12. Juli 2006, 17:00
Filed under: Begegnungen
Ich bin schon immer ein sehr tapferes Fräulein gewesen. Nichts konnte mir Angst einjagen. Während die anderen kleinen Mädchen früher nach Einbruch der Dunkelheit nur gemeinsam den Nachhauseweg beschritten, machte es mir nichts aus, des nächtens allein durch den düsteren Wald zu spazieren, besonders Nachtwanderungen empfand ich als geradezu lächerlich und in der Geisterbahn ärgerte ich mich stets über die billig ausstaffierte Kulisse. Ich hatte damals gerade meine Winnetou-Phase und wusste, dass er an eine zukünftige Sqwa hohe Erwartungen in punkto Selbstbeherrschung und Furchtlosigkeit stellen würde.

Erst neulich las ich diesen herrlich gruseligen Thriller. Bis in die frühen Morgenstunden vertiefte ich mich in die detailierten Schilderungen des bösen Psychopathen, der mehrere Nächte im Garten der jungen Frau verbringt, sie durch die Fenster der Erdgeschosswohnung beobachtet und ausführlich darüber phantasiert, was er ihr antun wird. Dann bricht er tatsächlich ein und über viele Seiten werden die Qualen und Schändungen des Opfers beschrieben. Gegen vier Uhr morgens knippste ich die Nachttischlampe aus, warf einen letzten Blick aus dem Fenster in den Garten meiner Erdgeschosswohnung und entschlummerte dann in einen friedlichen, tiefen Schlaf, während das Fenster im Raum nebenan, wie jeden Abend sperrangelweit geöffnet stand.

Furchtlos, unerschrocken und mit einem boshaften Grinsen die Zimperlichkeit meiner Mitmenschen verhöhnend, trotze ich allen Gefahren.
Doch jede mutige Heldin hat ihr kleines Geheimnis. Einen düsteren Schatten auf der silbrig glänzenden Ritterrüstung. Eine peinliche Schwäche, die in den bitteren Erfahrungen in der Kindheit wurzelt und binnen Sekunden den über Jahrzehnte konditionierten Habitus vergessen lässt: die erwachsene, souveräne Frau mutiert wieder zu einem Geschöpf in der pre-pubertären Phase. Die Augen weiten sich plötzlich auf Untertassengröße, die Stimme setzt zu einem Crecendo sehr lauter, sehr spitzer und sehr schriller Töne an, da wird ein Sofakissen in Panik vor das Gesicht gepresst wenn ich sie nicht sehe, sieht sie mich auch nicht und das Kreischen nur von zusammenhanglosen "Mach weg, mach weg, mach weg, mach weg"-Schreien unterbrochen.
Der Liebste schaute sein ihm sonst als so mutig bekanntes Mädchen fassungs- und ratlos an, bevor er der Ursache für den Nervenzusammenbruch ansichtig wurde. Eine kleine Babymaus, die von der Katze neckisch über den Wohnzimmerboden gekickt wurde.
Der Liebste hatte dann auch nichts besseres zu tun, als das Ungeheuer einzufangen und unter den Protestgekreische, das jetzt zu einem "Mach tod, mach tod, mach tod, mach tod." modifiziert wurde, in die Freiheit zu entlassen.
Offensichtlich sprach sch die gastfreundliche Behandlung in Mäusekreisen herum, denn schon zwei Tage später wiederholte sich das Schauspiel mit nicht weniger schrillen Tönen, doch diesmal inklusiver überstürzter Flucht ins Schlafzimmer.

Nun fragt sich vermutlich der eine oder andere, warum man sich von so einem "niedlichen Fellknäul" in Angst und Schrecken versetzen lassen kann.

Die Ursache für dieses Trauma liegt, wie bereits angedeutet, in einigen schrecklichen Kindheitserfahrungen begründet.
Im zarten Alter von 10 Jahren fuhr ich zu der noch heute legendären Mäuseklassenfahrt. Der einwöchige Ausflug wurde nach dem putzigen Getier benannt, weil wir Bungalows auf einem kleinen, komplett vermausten Hügel bewohnten. Die Ausgeburten der Hölle waren uns nicht nur zahlenmäßig überlegen, sondern auch äusserst gewitzt und geradezu artistisch veranlagt. Problemlos konnten sie Doppelstockbetten und Wände erklimmen. Erstere schoben wir bereits am ersten Tag in der Mitte des Raumes zusammen und beschliefen fortan mit zehn Mädchen den oberen Bereich der fünf Betten. An Schlaf war nicht zu denken. Zitternd hielten wir uns an den Händen, versuchten, die Dunkelheit und Angst hinwegzuplappern, nur um allesamt schreiend aus der Bettenburg und dem Zimmer zu flüchten, sobald eines der Mädchen glaubte, von irgendetwas an ihrem Fuss berührt worden zu sein.
Eines Abends schlichen wir uns in den Bungalow der Jungs. Schon bald war ich müde und gelangweilt weil keiner der Kerle einen Blick für mich erübrigte und kehrte in unser Zimmer zurück. Ich war vollkommen allein und während ich oben auf dem Bett saß und die Beine baumeln liess, entdeckte ich plötzlich meinen persönlichen Alptraum. Ich wartete eine Stunde lang, bevor die Mädels endlich zurückkehrten und mich befreiten. Eine Stunde lang raste die größte und fieseste Maus, die ich je erblickte, immer im Kreis um das Bettenwerk. Eine Stunde lang sass ich auf dem Bett, die Augen stets auf das Ungetüm gerichtet. Sobald ich sie für einen Moment nicht mehr sah, stieg Panik auf, dass sie gerade das Gerüst empor kletterte, um mir in den Kissen Gesellschaft zu leisten. Ich wimmerte eine Stunde leise vor mich hin, denn Hilferufe oder gar Schreie hätten die Lehrer auf das Fehlen meiner Kameradinnen aufmerksam gemacht.

Ich bin wieder 10 Jahre alt, wenn ich einer Maus ansichtig werde. Gestern abend war es dann wieder so weit. Auf dem Sofa sitzend behielt ich meine Katzen im Blick, um zu verhindern, dass sie einen Spielkameraden durchs offene Fenster hereinbringen. Glücklicherweise war dies nicht der Fall. Die eine blieb verschwunden, die andere saß saß neben der Couch und starrte stundenlang eine Kiste an, die dort an der Wand steht. Sie ignorierte mein Locken und Rufen und verharrte reglos starrend. Irgendwann stand ich auf, um sie zu mir zu holen. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich einen Schatten in der Ecke hinter der Kiste. Der Liebste war fern einer möglichen Rettungsmöglichkeit. Schluchzend rief ich ihn an, doch er weigerte sich, die paar hundert Kilometer zurückzulegen, um mir beizustehen.
Zum Glück ist die eine Katze zum Hund abgerichtet. Spitz schrie ich ihren Namen, sie raste durch den Garten, sprang mit einem Satz durchs Fenster, ich zog die Kiste zur Seite, sie stürzte sich auf das graue Fellding, verharrte einen Augenblick mit ihrer Beute im Maul unschlüssig und auf mein "Raus, raus, raus, raus, raus!" flitzte sie in sekundenschnelle den selben Weg wieder zurück.
Die nächste Viertelstunde verbrachte ich auf dem Tisch sitzend, bis eine Freundin vorbeikam. Erst, als sie alle Ecken durchsucht und kein Nest gefunden hatte, wagte ich mich auf den Boden zurück. Das Loch in der Wand, aus dem das Antennenkabel kommt, haben wir vorsichtshalber zugeklebt. Wer braucht schon fernsehen...

Leider weiss ich nun immer noch nicht, ob sich diese Viecher im Haus befinden oder immer erst durch die Hilfe meiner zwei haarigen Mitbewohnerinnen in mein Reich gelangen. Vorsichtshalber gehe ich jetzt gleich Mausfallen kaufen.

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Freitag, 26. Mai 2006
cassandra, Freitag, 26. Mai 2006, 20:10
Filed under: Begegnungen
Die Nachwirkungen der Wende hatten sich anfänglich nicht all zu verheerend auf Reinhard ausgewirkt. Auch er hatte eine Stasi Akte. Das gehörte zu seinem Beruf. Nach jeder Besprechung ging automatisch eine Kopie des Gesprächprotokolls an den Dienst. Reinhard interessierte sich jedoch nicht für Politik und hatte sich daher auch nie bewusst - im Sinne von beiden Seiten - etwas zu schulden kommen lassen.
Mit der Aufhebung ihres Staates erübrigte sich die Existenz der Nationalen Volksarmee, doch glücklicherweise durfte Reinhard seine Arbeitsstelle behalten und wurde für zwei Jahre auf Probe in eine gesamtdeutsche Bundeswehr übernommen.
Er wurde zwei Dienstgrade zurückgestuft. Vom Oberstleutnant zum Major, dann zum Hauptmann. Höhere Dienstgrade wurden mit westdeutschen Bundeswehroffizieren besetzt. Wegen einer Knieverletzung wurde er vom Raketenregiment nach Potsdam zur Verwaltung versetzt.
Er liebte seine Arbeit. Der tägliche Umgang mit Computeranlagen und Netzwerken als technischer Offizier entsprach seiner Liebe zu komplizierten Algorithmen, handwerklichen Puzzeleien, Zahlen, Tabellen und Maschinen.
Innerhalb seiner Probezeit wurde ihm eine Planstelle in der Datensicherheit zugesichert, doch kurz vor deren Ende und dem Ausscheiden seines potentiellen Vorgängers, attestierte ihn ein formloser Bescheid seine Nicht-Verwendbarkeit für die Deutsche Bundeswehr.
Im Jahre 1992 wurde der 43-jährige nach 25 Jahren, die er in der Armee gedient hat, in die Welt der Arbeitslosigkeit entlassen.
Das Alter, seine militärische Vergangenheit in der Nationalen Volksarmee und das Nichtvorhandensein anderweitiger Berufserfahrungen waren drei schwerwiegende Hinderungsgründe für zukünftige Arbeitgeber, ihm einen Job anzubieten. Für eine Weile steuerte er kleinere Verdienste zum Einkommen seiner Frau bei, indem er PC-Seminare abhielt, bevor er über eine Zeitarbeitsfirma an ein Kraftwerk in Ludwigsfelde vermittelt wurde. Sein Engagement dort wurde nicht nur geschätzt, sondern immer wieder verlängert, ohne ihm jedoch einen festen Arbeitsplatz anzubieten. Als das Kraftwerk in die Insolvenz ging, unterstützte er den Konkursverwalter noch ein halbes Jahr, bevor er 1997 in die Arbeitslosigkeit zurückkehrte.
In den folgenden Jahren verdiente er sein Geld in einem Hydraulikwerk und in dem Institut, in dem seine Frau arbeitete.

Seit mehr als zwei Jahren ist er wieder ohne Arbeit. Zumindest ohne einen bezahlten Job. Trotzdem gibt es genug zu tun. Er hat das Haus komplett umgebaut, eine Garage und eine Werkstatt errichtet. Für eine Flasche Cognac oder ein selbstgebackenes Brot kümmert sich Reinhard liebevoll um die Computer aller Nachbarn und deren Bekannten und deren Freunde und deren Kinder. Wenn dann mal etwas Luft blieb, baute er auch schon einmal einen Pavillon für laue Grillabende im Garten.
Doch obwohl Reinhard immer gut beschäftigt war, fehlten ihm die Herausforderungen, die eine Arbeitstelle mit sich bringt. Die Probleme und Aufgaben, die er sich eben nicht selbst schafft, sondern die von aussen an ihn herangetragen werden und für deren Lösung man den verdienten Lohn mit nach Hause trägt.
Er hatte die Hoffnung aufgegeben, mit Mitte 50 in Mecklenburg-Vorpommern, einem Bundesland mit einer Arbeitslosenquote von ca. 25%, eine neue Chance von der Arbeitsagentur vermittelt zu bekommen. Stattdessen wälzte er in den Nächten, wenn er gegen 4 Uhr aufwachte und nicht mehr schlafen konnte, Franchise-Kataloge. Nicht weil er sich einer Kette anschließen wollte, sondern auf der Suche nach Inspiration, einer Idee für eine eigene Firma.

Irgendwann hatte Reinhard eine sehr gute Idee.
Sein Bundesland, das gut auf einen Cateringservice oder einen weiteren Betreuungservice-von-Senioren-auf-Rädern verzichten konnte und in dem mit der Wartung von PCs nicht mehr als ein zum Verzehr geeignetes Dankesschön zu verdienen ist, beherbergt mehr als 70.000 Grundstücke, deren Kläranlagen nicht den strengen EU-Normen, die bis Ende 2006 umgesetzt werden sollen, genügen und daher saniert bzw. aufgerüstet werden müssen.
Reinhard besuchte mehrere Fortbildungskurse und absolvierte zum ersten Mal in seinem Leben ein Praktikum: bei einem Kläranlagenunternehmen. Die Teilnahmegebühren für die Seminare bestritt er aus eigener Tasche, weil die Arbeitsagentur diese Ausbildung nicht als solche anerkennen wollte.
Seit Ende letzten Jahres hat Reinhard nun seine eigene Firma. Mit selbst entworfenem Briefpapier, Büro neben der Garage und eigenhändig restauriertem und umgebautem VW-Bus.

Im vergangenen Dezember, kurz vor dem Weihnachtsfest, wollte Reinhard seine erste Informationsveranstaltung zum Thema Kläranlagen abhalten. Obwohl die Ordnungsämter angefangen hatten, Rundschreiben bzgl. der notwendigen Umbauten für Kläranlagen an die Grundstückbesitzer zu versenden, hat man auf dem Land weitaus andere Sorgen und ist nur unzureichend über die Materie informiert.
Reinhard hatte zu Hause am PC hübsche Flyer entworfen, in denen er die Bewohner der zwei benachbarten Dörfer am Freitag um 18 Uhr in die Aula der Schule einlud. Seine Frau hatte fünfzig Flyer in Briefumschläge gesteckt und lief dann von Haus zu Haus, um sie in die Briefkästen der Nachbarn einzuwerfen.
Reinhard fuhr zur Schule, um mit dem Hausmeister alle Einzelheiten zu besprechen. Der Hausmeister war ein wenig verwirrt. Irgendwie hatte er gedacht, dass der Infoabend am Samstag stattfinden sollte. Entrüstet erzählte Reinhard zu Hause seiner Frau von der Verwechslung. Daraufhin warfen sie gemeinsam noch einmal einen Blick auf den Flyer. Und tatsächlich. Reinhard hatte sich im Datum vertan. Dort stand es schwarz auf weiß: das Datum bezog sich auf den kommenden Samstag, nicht auf den Freitag. Ein Samstagabend vor Weihnachten – die Chance, die Bewohner des Dorfes aus der Gemütlichkeit ihres Heimes zu reißen oder vom Geschenkkauf in der Stadt abzuhalten, erschien beunruhigend gering.
Trotzdem ließ sich Reinhard nicht aus dem Konzept bringen. Eine Woche lang überarbeitete er immer wieder die Folien für die Overheadprojektion und überwarf jeden Abend die Reihenfolge der Charts und Diagramme aufs neue.
Wenn man Reinhard vor vielen Menschen sprechen hört, wirkt er anders als in einer normalen Unterhaltung mit Freunden oder Bekannten. Er wirkt plötzlich sehr förmlich und ein bisschen steif. Entgegen seiner sonstigen Art zu sprechen, klingt er plötzlich sehr artikuliert, bemüht darum, langsam und deutlich zu reden. Dabei lispelt er ein ganz kleines bißchen, was die Menschen, die ihn kennen, überrascht.
Um mehr Sicherheit zu gewinnen probte er seinen Vortrag vor den kritischen Blicken seiner Frau. Als diese ihm kleinlaut gestand, dass seine Ausführungen stellenweise ein wenig trocken wirkten, trennte er sich zähneknirschend von einigen Folien.

Am Samstag gegen 17 Uhr traf Reinhard in der Aula der Schule ein, um sich vorzubereiten. Seine Frau begleitete ihn, weil sie spürte, wie aufgeregt er angesichts der Premiere seiner kleinen Firma war.
Sie rückten die Tische beiseite, arrangierten die Stühle zu einem Auditorium, bereiteten ein paar Erfrischungen vor und verteilten die vorbereiteten Hand-outs, die den Vortrag zusammenfassten. Reinhard ging ein letztes Mal durch seine Folien, entschied sich spontan, ein paar weitere wegzulassen und wartete auf das Eintreffen der ersten Gäste. Um 18:30 Uhr war noch immer niemand eingetroffen, um 19:00 Uhr räumten beide die Sachen unverrichteter Dinge wieder zusammen und beschlossen, sich im gegenüberliegenden Restaurant einen netten Abend zu machen.

In den letzten Wochen hat Reinhard 2 Mal einen Informationsabend veranstaltet. Von seinen 48 Folien, die seine Frau nach erneuten Änderungen fünfmal neu ausdrucken musste, hat er 2 gezeigt. Nächste Woche fährt er auf einen weiteren Lehrgang. Spätestens Ende des Jahres oder dann, wenn Anfang des nächsten Jahres die Ordnungsämter die ersten Bußgeldbescheide verschickt haben, wird er wohl sehr viel zu tun haben.

Ich bin unglaublich stolz auf Reinhard, weil er unbeirrbar seinen Weg geht und vor nichts Angst hat, schon gar nicht davor, als 56-Jähriger seine erste eigene Firma zu gründen. Seine Stärke gibt mir das Gefühl, dass er mich immer beschützen kann, er ist mir ein Vorbild und ich liebe ihn – das ist alles, was ich mir als seine Tochter von ihm wünschen kann.

Alles Liebe zum Vatertag.

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Mittwoch, 8. März 2006
EIN GANZ NORMALER MORGEN IN DER WERBEFILMTRETMÜHLE
cassandra, Mittwoch, 8. März 2006, 13:47
Filed under: Begegnungen
Mist. Das Montagsmeeting geht nun schon seit zwei Stunden. Seit der Chef eine Beziehung in Berlin hat, hängt er gerne ein, zwei Tage dran und so wird aus dem Wochenanfangs-Treffen oft ein Resümee des selbigen.
Eigentlich muss ich um 12 Uhr im Tonstudio sein, um die Werbespots zu vertonen, die wir letzte Woche produziert haben. Die Beate hat schon zwei mal angerufen, weil sie noch auf Kosten wartet und irgendwas stimmte mit der Auflösung der Quicktimes nicht, die wir gestern verschickt haben. Die Spots, die vertont werden sollen, müssen noch mal kurz geändert werden, aber vermutlich ist es wichtiger, zum wiederholten Male über die Parkplatzsituation unserer Firma zu sprechen. Ist ja ein Unding, dass die Azubis und Praktikanten immer auf den Kundenparkplätzen stehen. Wieso können die sich überhaupt ein Auto leisten?
Endlich nähert sich diese Diskussion, die bereits geführt wurde, als ich noch Praktikant war, dem Ende.
Schnell noch hektisch die Änderungen gemacht, Klamotten, Autoschlüssel und das Zuspielmaterial gegriffen und los in Studio.
Wieder mal zu spät. Ich drücke dem Tonmeister die Bänder in die Hand und mache mir erst mal einen Kaffee. So ein Typ steht ebenfalls in der Küche und streckt mir seinen Hintern entgegen. Der Rest des Körpers ist im Kühlschrank verschwunden. Mit einer Flasche Wasser in der Hand dreht er sich zu mir um. Hübsches Kerlchen. Sieht ein wenig aus wie Brad Pitt. Schwarzes Käppi tief ins Gesicht gezogen, schwarze Jeans und T-Shirt. Wenn der Liebste nicht wäre, würde ich ihn anlächeln, so sage ich nur kurz Hallo und widme mich wieder der Milchschaumdüse. Er lächelt mich schüchtern an, sagt Hi und verschwindet dann in einem der anderen Studios.
Als ich meinen Platz auf der Couch im Studio einnehme, erzählt mir der Tonmeister, dass Brad Pitt heute hier wäre, um einen Social Spot aufzunehmen. Ich verschlucke mich an meinem Kaffee und spucke den Inhalt meines Mundes quer über das Mischpult.

Puff.
Mein heutiger Vormittag hat sich exakt so zugetragen, nur, dass Herr Pitt nicht in meinem Tonstudio, sondern in der Berliner Niederlassung des selbigen seine Sprachaufnahme machte. Dort, wo ich vor genau einer Woche, zur gleichen Zeit ebenfalls einen Termin wahrnahm.
Wieso ist das Leben so grausam?
Naja, wenigstens habe ich eben kurz dort angerufen, um noch mal ein paar Kosten durchzugehen. So kann ich wenigstens sagen, dass ich mit jemandem telefonierte, der sich 20 Meter von ihm entfernt befand.

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Dienstag, 24. Januar 2006
WIE MIR JULIETTE IHRE OHRRINGE SCHENKTE
cassandra, Dienstag, 24. Januar 2006, 20:26
Filed under: Begegnungen
Beim Durchforsten dieses Blogs ist mir bewusst geworden, dass ich meine Reihe "Erlebnisse in zweifelhaften Amusement Etablissements" versprochen hatte, fortzusetzen. Also nicht, dass mich jemand darum bat, aber da ich die Fortsetzung meiner ersten Puff-Erfahrung nun schon begonnen hatte, kann ich sie ja auch beenden.

Im Sommer findet in Cannes das einwöchige Internationale Werbefilmfestival statt. Gleich nach dem Pornofilmfestival, dass wiederum nach den richtigen Filmfestspielen ist. Die zeitliche Einordnung lässt vielleicht bereits erahnen, was die Franzosen von den Werbern halten.
Die Vorbereitungen für das größte Massenbesäufnis der Branche beginnen damit, dass die Angestellten des Hotels Martinez die alte, verschlissene Auslegeware ausrollen, um den dicken Flausch, über den kurz zuvor Hollywoodgrößen und vollbusige Bettakrobatinnen gewandelt sind und der den Boden der Bar den Rest des Jahres bedeckt, zu schützen.
Fast jeder Abend endet nach Abendesseneinladungen und verschiedenen Partys in der hoffnungslos überfüllten Bar. Gegen halb Fünf schliessen sich jedoch auch dort die Türen und die Franzosen schmeissen das trinkfreudige Werbervolk erbarmungslos auf die Straße. Dort stehen sie dann unbeholfen herum: ca. 500 vollkommen betrunkene, grölende Menschen, mitten auf einer Kreuzung, Ausschau haltend nach einem potentiellen Geschlechtsverkehrpartner, auf der Suche nach einem weiteren Getränk oder wenigstens einem Taxi, das sie zur nächstbesten gutbestückten Minibar kutschiert.
Dabei ist die Rettung so nah. Schräg gegenüber vom Martinez befindet sich eine große, graue Stahltür, vor der sich ein muskelbepackter, six-pack-bäuchiger, milchkaffeefarbener, sehr schöner Mann aufgebaut hat und die Passanten kritisch mustert. Findet man in seinen Augen Gnade, öffnen sich die Pforten zum schnuckeligsten und vermutlich kleinsten Freudenhauses Frankreichs. Das „Haus“ besteht eigentlich nur aus einem winzigen Raum, einem kleinen Verschlag, der als Unisex-Toilette dient und einem Lagerraum. Keine Zimmer oder andere Verlustigungsräumlichkeiten. Wer eine der Damen in einem intimeren Umfeld kennenlernen möchte, soll sie gefälligs in sein Hotelzimmer einladen. Auf den ersten Blick erinnert nicht viel an einen Puff. Der Raum gleicht vielmehr einer gemütlichen kleinen Bar, mit einer verspiegelten Theke, einer Discokugel an der Decke, französicher floraler Tapete an den Wänden, gedämpften Licht und gemütlichen Sitzecken. Neben der Theke ist eine verspiegelte Nische in die Wand eingelassen, in der sich eine Stange versteckt. Bei meinen jährlichen Besuchen habe ich dort jedoch immer nur betrunkene weibliche Gäste tanzen sehen. Die dort angestellten Damen verhalten sich eher angenehm zurückhaltend. Sitzen schwatzend am Tresen, schlürfen an einem Glas Champagner und beobachten die angeheiterten Gäste, die den Weg hierher gefunden haben.

An einem schwülen Abend im Juni letzten Jahres war es einmal wieder so weit.
Ein Teil der Kollegen verzog sich rasch in Richtung Hotel. Daher hatte ich die noch immer volle, sündhaft teure Flasche Champagner für mich allein. Der verbliebene Kollege und der Agenturtyp, den wir im Schlepptau hatten, begnügten sich mit Bier. Der Kollege bekam einen Hustenanfall, als ich ihm den Preis meines Getränkes nannte und schalt mich, weil ich die Bestellung vollkommen falsch angegangen war. “Normalerweise bekommt man für das Geld eine Frau dazu, die sich zumindest mit einem unterhält.“ Das klang logisch und ich bin die Letzte, die sich derartigen ökonomischen Betrachtungen verschliesst.

Ich sah mich nach einer Gesprächspartnerin um. Eine Frau fiel mir auf. Man konnte sie nicht wirklich als schön bezeichnen. Sie hatte riesige, warme Augen, die zu weit auseinander standen, war ein wenig pummelig und hatte ein sehr liebes, fröhliches Lächeln. Ich lud sie ein, mir beim Leeren der Flasche zu helfen und uns ein wenig Gesellschaft zu leisten. Juliette strahlte mich dankbar an und nahm in unserer Runde Platz. Sie weigerte sich nach dem ersten Glas, weiter bei mir mitzutrinken. Das wäre viel zu teuer und sie bekäme ein schlechtes Gewissen, eine Frau auszunehmen. Auch als eine Bardame, die partout kein Wort Englisch verstehen wollte, meine noch immer gefüllte Champagnerflasche abräumte (ein oft benutzter Trick, angetrunkene Gäste zu verwirren und zur Bestellung eines weiteren Getränkes zu animieren), entpuppte sich unsere Tischdame als rettender Engel im zwielichtigen Dschungel der Freier Gäste-Abzocke.
Juliette war wie die meisten anderen Damen nur für die Saison nach Cannes gekommen. Normalerweise arbeitete sie als Kindergärtnerin in der Bretagne. Sie liebte Kinder, auch wenn sie selber keine geboren hatte. Sie mochte ihren Ferienjob. Nur selten schlief sie mit einem der Gäste. In der Regel unterhielt sie sich mit den Männern und trank Champagner. Nur wenn sie einen Mann nett fand, war sie bereit, mit ihm ins Hotel zu gehen. Ich fragte sie, ob die Erwartungen, die ein Gast angesichts der Champagnerpreise an sie stellen würde, nicht über den Rahmen eines Gespräches hinausgehen würden. Sie lachte glucksend und zwinkerte mir zu. Küssen würde sie die Gäste manchmal schon, auch ohne mit ihnen mitzugehen. In diesem Moment beugte sie sich zu mir herüber und ihre Lippen berührten meine. Für einen kurzen Moment versank ich in dem Kuss, dann löste ich mich von ihrem Mund. Aus irgendeinem Grund hatte ich ein schlechtes Gewissen: Ich habe Dir doch gar keinen Champagner ausgegeben, also brauchst Du mich auch nicht zu küssen. Wieder lachte sie fröhlich. Ich küsse, weil es mir Spass macht, nicht, weil ich hier arbeite.
In der Zwischenzeit hatte der Agenturtyp seinen Fotoapparat gezückt, war aufgesprungen und schoss ein paar Bilder von uns. Wir posierten für weitere Fotos und setzten dann unser Gespräch fort. Irgendwann bemerkte sie das Armband, dass ich an diesem Abend trug und bewunderte es.
Der Champagner war mir inzwischen zu Kopf gestiegen und hüllte mich in eine wuschelweiche Zuckerwattewolke. Kurzerhand löste ich es von meinem Handgelenk und wollte es ihr schenken. Sie war entsetzt und weigerte sich, es anzunehmen. Doch ich versicherte ihr, dass ich mir nicht allzu viel aus Schmuck mache und es sicher nicht vermissen würde.
Sie sprang auf und lief in Richtung Tresen davon. Nach ein paar Minuten kam sie mit einem Paar glitzernder Ohrclips zurück, drückte sie mir in die Hand und strahlte mich an. Es waren vermutlich die hässlichsten Ohrringe, die ich jemals gesehen habe: riesige Blüten mit einem Durchmesser von fünf Zentimetern, besetzt mit braunen und orangenen, tränenförmigen Strasssteinen. Stolz clipste ich sie mir an die Ohrläppchen.
Mit meinen neuen Schmuckstücken und in Begleitung der zwei Herren trat ich kurze Zeit darauf ins grausame Sonnenlicht vor die Stahltür. Ein Taxi fuhr uns ins Hotel und binnen Sekunden versank ich in einen seligen Schlaf.

Am nächsten Morgen trug ich meinen kleinen Kater zum Strand und liess ihn sich in der Sonne aalen.
Irgendwann spazierte der Agenturtyp der vorangegangenen Nacht an mir vorbei. Ich rief ihm zu, dass er mir unbedingt die Pufffotos von gestern nacht mailen solle. Er tat, als hätte er kein Wort gehört und setzte mit starrem Blick seinen Weg durch den Sand fort. Vorbei an mir, in Richtung seiner Frau, die ungefähr drei Meter von mir entfernt mit ihrem einjährigen Sohn auf einem Handtuch sass und ihn erwartungsvoll musterte.
Die Bilder habe ich leider nie bekommen.

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Samstag, 31. Dezember 2005
DAS SCHLARAFFENLAND DES KANINCHENMANNS
oder: Eine nachgereichte Weihnachtsgeschichte, die nirgendwohin will
cassandra, Samstag, 31. Dezember 2005, 17:33
Filed under: Begegnungen
Er sitzt ganz alleine in einer dieser runden, mit rotem Leder bezogenen Sitzecken. Ich schau’ ein wenig neidisch hinüber, da alle anderen Sitzplätze belegt sind. Er scheint recht klein zu sein, wirkt aber vielleicht auch nur so, weil er wie eine nasse Rolle Küchenpapier in sich zusammengesunken ist. Sein Blick wandert desinteressiert unter seinen alkoholschweren Lidern hin und her. Die heruntergezogenen Mundwinkel gehen in tief ins Kinn eingegrabene Falten über und verleihen seinem Gesicht etwas kaninchenhaftes. Das dünn gewordene Haar trägt er sehr sorgfältig gescheitelt. Seine ganze Erscheinung hat etwas derart trostloses, dass ich ihn sicherlich überreden könnte, die Ecke für unsere kleine Gruppe zu räumen. Die anderen wollen jedoch lieber an einem kleinen Tresen stehen. Die zwei Buchhalterinnen werfen sich einen gehetzten, unsicheren Blick zu. Die stehende Position lässt ihnen die Möglichkeit, jeden Moment die Flucht zu ergreifen, falls Ihnen das Ambiente und die Menschen, die sie umgeben, doch nicht geheuer sein sollten. Der Chef schmeisst eine großzügige Runde. Verhaltene Ausdrücke des Wohlwollen, doch nach wie vor skeptische Gesichter, die Blicke peinlich berührt von der Tanzfläche abgewandt, in den Händen ein Glas Champagner, das ein wenig Halt gibt.

Der Kaninchenmann schlürft an uns vorbei in Richtung der Bar. Ohne den Grund zu kennen, werfe ich ihm ein Lächeln in den Weg. Er bleibt vor mir stehen und greift nach der Tischkante, um seinen Stand zu stabilisieren. Die Mundfalten verziehen sich ebenfalls zu einer Art Lächeln. Er mustert mich flüchtig, wirft dann einen trägen Blick in die Runde meiner Begleiterinnen und streicht dann die Falten in seinem Jacket glatt. „Darf ich Ihnen ein Glas Champagner ausgeben?“ Während er mich fragt, drückt er die Schultern nach hinten und richtet sich ein wenig auf. Trotzdem reicht er mir lediglich bis zum Kinn. Ich überlege für einen Moment. Der Champagner ist unverschämt teuer in diesem Laden. So teuer, dass man ein Glas fast mit einer Art Versprechen gleich setzen kann. Ein volles Glas aus der letzten Runde steht noch immer vor mir. Trotzdem nehme ich die Einladung an und finde mich mit der Verpflichtung zu einer Unterhaltung ab. Ich weiss nicht warum. Ich habe weder Lust auf Champagner, noch auf ein Gespräch mit einem kleinen, betrunkenen, alten Mann. Vielleicht macht mich dieser ganze Weihnachtsrummel sentimental.
Ich stosse mit ihm an und schüttle seine kleine weiche Hand. “Ich bin Cassandra.“
Der Kanichenmann heisst Oliver, ist 57 Jahre alt und hat eine Firma, die Sachen exportiert. Er versucht, mir von seinen unzähligen Reisen nach Afrika zu erzählen. Beschämt senkt er den Blick, als er bemerkt, dass ihm die richtigen Worte, die seiner Begeisterung für diesen Kontinent Ausdruck verleihen könnten, nicht einfallen wollen.

Ich frage ihn, ob er oft hier ist. Er bejaht. Mir fällt nichts mehr ein, worüber ich noch mit ihm sprechen könnte. Deshalb frage ich nach dem Grund, obwohl die regelmässigen Besuche in einer Table Dance Bar wohl kaum eine Begründung erfordern. “Wegen der Frauen?“
“Ach nein. Ich bin fast 60. Ich habe schon viele nackte Frauen in meinem Leben gesehen. Das interessiert mich nicht mehr. Ich komme hierher, um Menschen kennenzulernen und mich mit Ihnen zu unterhalten.“
Mit einer wegwerfenden Handbewegung deutet er auf unsere kleine Gruppe. “Was machen Sie hier?“ Ich erkläre ihm, dass wir gerade von der Weihnachtsfeier unserer Firma kommen und nun noch einen Absacker trinken wollten. “Nur Frauen?“
„In unserer Firma arbeiten fast nur Frauen. Bis auf meinen Chef. Das ist der dort hinten.“
„Ach. Melanie. In meiner Firma arbeiten nicht so viele Frauen. Und schon gar nicht so schöne.“
„Ich heisse Cassandra.“
„Oh. Ich hatte mal eine Freundin, die hiess Cassandra. Sie war meine erste große Liebe. Sie war sehr schön. Manchmal denke ich noch an sie.“
„Warum haben Sie sich getrennt?“

Er zuckt gleichgültig mit den Schultern. Mit stumpfem Blick schaut er gedankenverloren in Richtung Bühne, wo eine Frau gerade breitbeinig eine Stange herunterrutscht. Er schaut zurück zu seinem Glas, welches er unaufhörlich im Kreis dreht.
Kurz bevor unsere Unterhaltung einzuschlafen droht, gesellt sich mein Chef – vermutlich in dem ritterlichen Glauben, mir zur Hilfe zu eilen - zu uns.
Er stellt sich Oliver vor, legt dann besitzergreifend den Arm um mich und drückt mit einen Kuss auf die Wange.
Staunend weiten sich Olivers Augen: “Sie küssen ihre Angestellten?“
„Ja. Ich habe zu allen Angestellten in der Firma ein sehr inniges Verhältnis.“
„Bei uns in der Firma habe ich noch nie eine Angestellte geküsst. Aber da arbeiten auch nicht so viele Frauen.“
„Ich stelle prinzipiell nur Frauen ein. Die sind viel netter als Männer.“
Bewundernd lässt Oliver seinen Blick über unser Grüppchen schweifen.
Angeregt plaudert mein Chef mit Oliver über die Vorzüge weiblicher Angestellter. Seine Gesten wirken lebendig, ungläubig schüttelt er den Kopf. Ich bemerke ein Leuchten in den Augen des Kaninchenmannes, als ich mich wieder meinen Kolleginnen zuwende, die mittlerweile Gefallen an dem Geschehen auf der Bühne gefunden haben.

Wir reden ein wenig über die Vorzüge und Nachteile plastischer Chirugie und bringen die Dollarnoten, die uns unserer Chef großzügig überlassen hat, unter’s Volk.
Als der Geldstapel abgearbeitet ist, beschliessen wir, nach Hause zu gehen. Wir sind fast die letzten Gäste. Der Kaninchenmann sitzt wieder allein in seiner roten Lederecke und dreht sein Glas.
Ich gehe zu ihm rüber, bedanke mich noch einmal für den Champagner und reiche ihm die Hand zum Abschied. Mühsam steht er auf, lächelt mich müde an und plötzlich beuge ich mich über den Tisch und drücke ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Bevor er reagieren kann, drehe ich mich um und folge den anderen durch die Ausgangstür.

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