Cassandras Kopfkino
ALS ICH MIT FRANCESCA AN DER STANGE TANZTE UND WARUM MICH MEIN CHEF NOCH HEUTE AUSLACHT
cassandra, Dienstag, 12. Juli 2005, 13:51
Filed under: Erinnerungen
Mein erstes Mal erlebte ich nach stundenwährendem Schlendern von Bierzelt zu Bierzelt auf der alljährlichen Kirmes, einigen gruseligen Kneipen und rauschenden Tänzen in vollverspiegelten Diskotheken mit Teppichböden in Gesellschaft einer Freundin, die gerade als freie Assistentin in unserer Firma arbeitete.
Es war ihr zweiter Tag und sie war sehr angetan von der Geselligkeit der Kollegen. Wie alle anderen hatte sie keine Lust, angeheitert um 4 Uhr morgens ins Bett zu gehen. Die Auswahl an Lokalitäten um diese Zeit unter der Woche tendierte jedoch gegen nicht vorhanden und daher schlug jemand den Besuch eines Puffs vor.

An der ersten Tür wurden wir auf Grund der hohen Frauenquote abgewiesen. Praktischerweise lag das nächste Etablissement gleich nebenan. Nachdem unser Chef dem Türsteher eine nicht mehr nachvollziehbare Anzahl Geldscheine in die Hand gedrückt hatte, durften wir das Tor zu den heiligen Hallen passieren.
Drinnen erwartete uns eine Art vergüldete Plüsch-Spiegel-gedämpftes-Licht Lokalität mit einer großen Bar in der Mitte. Um die Bar waren kleine, komplett verspiegelte Nischen in die Wände eingelassen, in deren Mitte sich jeweils eine Stange befand. Am Rand der Nischen waren Sitzbänke angeordnet, auf denen junge, gelangweilte Damen sassen. Wir waren nicht die einzigen Besucher in jener Nacht, doch unsere Anwesenheit vertrieb die zwei Herren binnen weniger Minuten.
Wir nahmen die Bar in Beschlag und tranken sündhaft teuren Champagner.
Zurückblickend würde ich sagen, dass mein Chef versuchte, mich zu provozieren, doch an jenem Abend fand ich mich in Kürze mitten in einer angeregten Diskussion über meine berufliche Zukunft wieder. Damals haben wir des öfteren meine Pläne analysiert, einmal Regisseurin zu werden. Mein Chef war der Meinung, dass ich auf Grund meiner Persönlichkeit eine verdammt schlechte abgeben würde. Er war der Meinung, dass ich eine unzureichende Beobachtungsgabe hätte und nicht in der Lage wäre, mich mit fremden Menschen auseinander zu setzen.
Als Beispiel für seine Ausführungen machte er mich auf die anwesenden firmenexternen Damen aufmerksam. Er stellte die Prognose auf, dass ich nicht in der Lage wäre, mich mit einer von ihnen vernünftig zu unterhalten. Das wollte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Selbstverständlich war ich in der Lage, mich als potentielle Dokumentarfilmerin zu betätigen, mich meinem Umfeld anzupassen und einer professionell tätigen Dame ihre schwärzesten Geheimnisse zu entlocken.
Schnurstracks maschierte ich auf die hübscheste zu und fragte sie nach ihrem Namen. Die vollbusige 20jährige mit den blonden Locken hiess Francesca. Ich musste unwillkürlich grinsen und stellte mich als Angelique vor. Francesca versuchte, meinen investigativen Fragen zu entkommen und schob ihre Arbeit vor.
Sie erhob sich und begab sich in eine der Nischen, um sich an einer der dort befindlichen Stangen laszive Verrenkungen zu exerzieren. So leicht lässt sich eine Dokumentarfilmerin jedoch nicht abschütteln. Ich folgte ihr und fragte, ob sie etwas dagegen hätte, wenn ich ihr Gesellschaft leisten würde. Da sie keine Einwände hatte, umgriff ich die Stange mit beiden Händen und schaukelte ein wenig zum Takt der Musik während ich sie interviewte. Sie erzählte mir, dass sie nach der Schule keinen Job gefunden hat und auch nicht mehr weitergesucht habe, nachdem ihr eine Freundin den Hinweis gab, sich hier zu bewerben. Die Arbeit mache meistens Spaß, wäre gut bezahlt und sie dürfe sich aussuchen, ob sie mit auf’s Zimmer gehen wolle oder nicht.
Bei dem Wort „Zimmer“ wurde ich hellhörig. Auf meinen Wunsch hin gab sie mir eine Führung durch’s Haus. Die Räume waren alle gleich ausgestattet. Blümchentapete an den Wänden, billige, in die Decke eingelassene Strahler, die ein unromantischesbarmherziges Licht absonderten, ein großes Bett mit einem Überwurf, den ein Versandhausdesigner im Drogenrausch entworfen haben musste und in der Mitte eines jeden Zimmers ein Whirlpool. Am Wannenrand standen zwei Spraydosen. Eine mit Sprühsahne und eine mit Badreiniger. Reinlichkeit war offensichtlich oberstes Gebot im Hause.

Als wir gegen 7 Uhr die Örtlichkeit verliessen, begleitete uns der Herr des Hauses bis an die Tür. Auf Grund meines neugewonnenen Selbstbewusstseins als angehende Regisseurin baute ich mich vor ihm auf und fragte, ob er mir einen Job geben würde. Er musterte mich von oben bis unten und antwortete, ohne das Gesicht zu verziehen: Nein.
Nun, wenn man seine Grenzen nicht kennt, muss man manchmal mit dem Kinn direkt hinein geschmettert werden.

In den folgenden Tagen erzählte mein Chef jedem, der es hören oder eben nicht hören wollte, dass ich beim Tanzen an der Stange wie ein Besen aussehen würde. Auch heute gelingt es ihm, steife Geschäftsessen mit dieser Anekdote aufzulockern. Mein Protest und der Hinweis auf mein Interview, dass rein gar nichts mit Tanzen zu tun hatte, sondern lediglich mit der Suche nach Informationen und Halt (angesichts der alkoholgetränkten physischen Kondition) wird stets überhört.

Ein halbes Jahr später klingelte mein Telefon in der Firma. Eine Frau war am Apparat. Sie stellte sich als Frau Krause aus der xy-Straße Nummer 96 vor. Ihre Stimme klang geschäftlich und sie erwähnte, ein Vorstellungsgespräch vor einigen Monaten in ihrer Firma. Ob ich immer noch Interesse hätte. Den Namen der Straße assoziiere ich nur mit einer Geschichte und ich erstarrte. „Woher haben Sie meine Nummer?“ hauchte ich in den Hörer. „Sie haben uns ihre Visitenkarte hiergelassen.“
Oh mein Gott. Offensichtlich war ich damals doch betrunkener, als ich es in Erinnerung hatte. Sie wollte wissen, ob ich schon Erfahrungen in dem Bereich gesammelt hätte. „Na. Das übliche halt. Aber eigentlich..." Sie unterbrach mich. Ihr Geschäftsführer hätte ihr von meinem Tanz mit einer ihrer Angestellten erzählt und es habe ganz “ordentlich“ ausgesehen. Na bitteschön. Ich sehe nicht aus wie ein Besen. Meinem Chef werde ich es schon noch zeigen. „Wieviel zahlen Sie denn?“ Diese Information hatte mir Francesca leider verschwiegen. “Das kommt ganz drauf an. Wahrscheinlich wäre es das Beste, wenn Sie noch einmal zu einem Eignungstest vorbeikommen würden. Dann können wir uns auch über die Formalitäten unterhalten.“ Ich geriet ins Schwitzen. Eine Fortsetzung meiner Dokumentation könnte unter Umständen auch für mich von Vorteil sein. Immerhin belebt Konkurrenz ja bekanntlich das Geschäft und vielleicht beinhaltete diese Geschichte ja Potential für eine Gehaltsverhandlung mit meinem Chef. “Ich habe aber gehört, dass ich mir meine – ähhh – Geschäftspartner aussuchen kann“
In diesem Moment fing die Dame am anderen Ende an, lauthals zu lachen. Meine lieben Kolleginnen kamen um die Ecke und stimmten, ein Telefon am Ohr, in das Gelächter ein. Mittlerweile ging mir ein Licht auf und ich erkannte meine Freundin, die damals ihren zweiten Arbeitstag in unserer Gesellschaft verbracht hatte an dem glucksenden, nach Luft ringenden Röcheln.

Morgen geht es weiter mit „Wie mir Juliette ihre Ohrringe schenkte“.

Kommentieren



retch, Mittwoch, 13. Juli 2005, 11:26
Haha... interessante Firma, die zusammen in den Puff geht. Kenn ich sonst nur von der Bundeswehr. Sie arbeiten doch nicht etwa bei dieser Firma?
Kommentieren