Cassandras Kopfkino
Dienstag, 19. Juli 2005
HEUTE BITTE LEISE SCHIESSEN KLICKEN
cassandra, Dienstag, 19. Juli 2005, 15:26
Filed under: Alltag
Klassenfahrt Firmen-Kirmes-Ausflug gestern. Zwei Gläser Jim Beam Rotwein auf nüchternen Magen veranlassten mich, meinen Chef großmäulig zum Wettschiessen herauszufordern. Glücklicherweise hatte ich am Abend zuvor noch einmal "Schneller als der Tod" angesehen.

Zitternd hielt ich das kalte Eisen an die Wange gepresst. Die Reflektionen der untergehenden Sonne - äh - der Neonlichter der umliegenden Fahrgeschäfte - brachen sich in einer Schweissperle, die einsam von meiner Stirn hinabperlte. Meine Augen trafen die meines Kontrahenten. Sein Blick fixierte einen Punkt hinter meiner Stirn. Er war fest entschlossen, mit allen Mitteln die Herausforderung zu seinen Gunsten zu entscheiden und eine

öffentliche Schmach zu verhindern. Ich versuchte, mich den Klauen der aufkeimenden Angst zu entwinden. Der Einsatz in diesem Zweikampf war weitaus höher als das Leben oder der Tod eines einzelnen. Das gesamte leibliche Wohl der Dorfbevölkerung stand auf dem Spiel, ging es doch um die nächste Runde Bier für 30 Mitmenschen. Die Niederlage hätte mich nicht nur das Gesicht gekostet, sondern auch meinen finanziellen Ruin bedeutet (oder wenigstens in einen entwürdigenden, nächtlichen, einstündigen Nachhauseweg zu Fuß resultiert). Siegessicher bleckte der Bandenchef die Zähne. Sein Gesicht war zu einer höhnischen Fratze verzerrt.
In diesem Moment erklang der Glockenschlag der Turmuhr. Mein Blick fixierte das Ziel, der Finger krümmte sich und mit der ausspeienden Kugel, entlud sich auch die innere Anspannung aus meinem Körper.
Die Regeln sahen 6 Schuss für jeden vor. Die Sehnen meiner Arme verschmolzen in perfekter Symbiose mit der Waffe. Zielsicher bohrten sich die eisernen Kugeln ins rote Fleisch. Die gaffende Menge hielt den Atem an. Ein kurzer Blick auf meinen Kontrahenten liess mich aufatmen. Sein Gesicht war angespannt und er presste die Hand an sein geschundenes Herz.
Ein letztes Mal lud ich das Gewehr durch und setzte an. Das Geschoss flog auf der Bahn, die ihm das Auge diktierte. Ein Raunen liess die Masse erzittern.
Der Lohn meines Sieges wurde mit einem schwarzen Vollbluthengst roten Plüschteufelchen namens Paul versilbert.

(Schützenbilder in den Kommentaren.)

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Montag, 18. Juli 2005
FEELS LIKE COMING HOME
cassandra, Montag, 18. Juli 2005, 14:10
Filed under: Auf Reisen
Ich habe den Flughafen München eigentlich immer gehasst.
Frankfurt ist natürlich ebenfalls überdimensional gross, aber die dürfen das auch. Entweder ist der Reisende eh' schrecklich aufgeregt, weil er eine spannende, lange Reise antritt oder so übermüdet, dass er mechanisch die Füße Schritt um Schritt ungeachtet der weiten Wege vorwärts bewegt.
Die unglaublich langen Wege auf dem Münchner Flughafen sind indes unannehmbar. Will man doch in der Regel nur mal eben nach Düsseldorf, Berlin oder Hamburg. Reicht es an jedem anderen innerdeutschen Flughafen 30 Minuten vor Abflug da zu sein (mein Favourit ist Berlin Tegel), benötigt man diese Zeit in München allein, um zum Gate zu kommen.
Der Weg zur Autovermietung auf dem Flughafen ist eine Tortur, zumal man zu diesem Zeitpunkt bereits sein Gepäck hat und selbiges durch kilometerlange Gänge hinter sich herschleppt. In den Tunneln wird man einer unerwünschten Lichttherapie ausgesetzt, die die müden Reisenden vor einer Erschöpfungsohnmacht bewahren soll. Bei mir löst der psychedelische Wechsel zwischen knallblau, knallgrün und knallrot jedoch stets Übelkeit aus.

Im letzten Sommer musste ich jedoch auf dem Flughafen München drehen. Während der Vorbereitungen war ich diverse Male zu Besichtigungen vor Ort. Ich legte nicht nur kilometerlange Strecken zurück, sondern passierte Sicherheitszonen, die dem Personal vorbehalten waren, kletterte auf Dächer, lief übers Vorfeld und durfte sogar auf die Landebahn. Am meisten beeindruckte mich unser persönlicher Betreuer, der auf die Frage, wann das nächste Flugzeug die Brücke, die über die Autobahn führte, passieren würde, kurzerhand den Tower anfunkte.
"Ist in nächster Zeit nicht vorgesehen. Warum fragst Du?"
"Ich habe hier so ein paar Filmmenschen, die wollten sich das mal ansehen."
antwortete unser Babysitter.
"Kein Problem. Dann leite ich einen Vogel um."
Wenige Sekunden später überquerte ein riesiges Flugzeug elegant die Straße vor unseren Augen.


So schnell kann ein Flugzeug umgeleitet werden.


Auf dem Rollfeld, das hier Vorfeld heisst.


Mal ganz dicht dran.


Frau auf dem Flughafendach grinst debil in Kamera.

Inzwischen kenne ich den Münchner Flughafen wie die viel-zitierte Westentasche. Ich weiss, wo es das beste Essen gibt, in welchen Geschäften sich eine kurze Stippvisite lohnt und wie man schnellstmöglich an seinen Bestimmungsort kommt.
Mittlerweile fühle ich mich hier richtig heimisch und wenn der Flieger auf der bayerischen Landebahn aufsetzt, habe ich seltsamerweise das Gefühl, angekommen zu sein. In einer vertrauten Welt, obwohl mein Zuhause ein paar hundert Kilometer weit entfernt liegt.

Seltsamerweise habe ich in den letzten Monaten beruflich fast ausschließlich in Bayern zu tun. Zu Beginn des Jahres hatte ich einen Münchner Kunden, der meine Anwesenheit in München des öfteren erforderte, neulich habe ich eine Woche in Kempten verbracht und nun steht das nächste Projekt in den Voralpen an.
Hoffentlich fällt's nicht gleich runter.

Seit Januar habe ich mittlerweile bestimmt 20 Mal "meinen" Flughafen besucht und viel Geld ausgegeben viele Stunden dort zugebracht.

Langsam wandert meine lokale Zuneigung auch über die Grenzen des Flughafens hinaus und ich gewöhne mich auch an dieses Bundesland. Wenn man, wie ich am letzten Donnerstag 700 km mit dem Auto quer durch Bayern fährt, kann man sich seiner Schönheit auch nur noch mit Mühe entziehen.
Ich bin mal gespannt, wann ich anfange, die Bewohner liebzugewinnen.


Baumkondome.




Ich werde tatsächlich dafür bezahlt, einen Tag durch Bayern zu fahren und Landschaften anzuschauen.

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Dienstag, 12. Juli 2005
ALS ICH MIT FRANCESCA AN DER STANGE TANZTE UND WARUM MICH MEIN CHEF NOCH HEUTE AUSLACHT
cassandra, Dienstag, 12. Juli 2005, 15:51
Filed under: Erinnerungen
Mein erstes Mal erlebte ich nach stundenwährendem Schlendern von Bierzelt zu Bierzelt auf der alljährlichen Kirmes, einigen gruseligen Kneipen und rauschenden Tänzen in vollverspiegelten Diskotheken mit Teppichböden in Gesellschaft einer Freundin, die gerade als freie Assistentin in unserer Firma arbeitete.
Es war ihr zweiter Tag und sie war sehr angetan von der Geselligkeit der Kollegen. Wie alle anderen hatte sie keine Lust, angeheitert um 4 Uhr morgens ins Bett zu gehen. Die Auswahl an Lokalitäten um diese Zeit unter der Woche tendierte jedoch gegen nicht vorhanden und daher schlug jemand den Besuch eines Puffs vor.

An der ersten Tür wurden wir auf Grund der hohen Frauenquote abgewiesen. Praktischerweise lag das nächste Etablissement gleich nebenan. Nachdem unser Chef dem Türsteher eine nicht mehr nachvollziehbare Anzahl Geldscheine in die Hand gedrückt hatte, durften wir das Tor zu den heiligen Hallen passieren.
Drinnen erwartete uns eine Art vergüldete Plüsch-Spiegel-gedämpftes-Licht Lokalität mit einer großen Bar in der Mitte. Um die Bar waren kleine, komplett verspiegelte Nischen in die Wände eingelassen, in deren Mitte sich jeweils eine Stange befand. Am Rand der Nischen waren Sitzbänke angeordnet, auf denen junge, gelangweilte Damen sassen. Wir waren nicht die einzigen Besucher in jener Nacht, doch unsere Anwesenheit vertrieb die zwei Herren binnen weniger Minuten.
Wir nahmen die Bar in Beschlag und tranken sündhaft teuren Champagner.
Zurückblickend würde ich sagen, dass mein Chef versuchte, mich zu provozieren, doch an jenem Abend fand ich mich in Kürze mitten in einer angeregten Diskussion über meine berufliche Zukunft wieder. Damals haben wir des öfteren meine Pläne analysiert, einmal Regisseurin zu werden. Mein Chef war der Meinung, dass ich auf Grund meiner Persönlichkeit eine verdammt schlechte abgeben würde. Er war der Meinung, dass ich eine unzureichende Beobachtungsgabe hätte und nicht in der Lage wäre, mich mit fremden Menschen auseinander zu setzen.
Als Beispiel für seine Ausführungen machte er mich auf die anwesenden firmenexternen Damen aufmerksam. Er stellte die Prognose auf, dass ich nicht in der Lage wäre, mich mit einer von ihnen vernünftig zu unterhalten. Das wollte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Selbstverständlich war ich in der Lage, mich als potentielle Dokumentarfilmerin zu betätigen, mich meinem Umfeld anzupassen und einer professionell tätigen Dame ihre schwärzesten Geheimnisse zu entlocken.
Schnurstracks maschierte ich auf die hübscheste zu und fragte sie nach ihrem Namen. Die vollbusige 20jährige mit den blonden Locken hiess Francesca. Ich musste unwillkürlich grinsen und stellte mich als Angelique vor. Francesca versuchte, meinen investigativen Fragen zu entkommen und schob ihre Arbeit vor.
Sie erhob sich und begab sich in eine der Nischen, um sich an einer der dort befindlichen Stangen laszive Verrenkungen zu exerzieren. So leicht lässt sich eine Dokumentarfilmerin jedoch nicht abschütteln. Ich folgte ihr und fragte, ob sie etwas dagegen hätte, wenn ich ihr Gesellschaft leisten würde. Da sie keine Einwände hatte, umgriff ich die Stange mit beiden Händen und schaukelte ein wenig zum Takt der Musik während ich sie interviewte. Sie erzählte mir, dass sie nach der Schule keinen Job gefunden hat und auch nicht mehr weitergesucht habe, nachdem ihr eine Freundin den Hinweis gab, sich hier zu bewerben. Die Arbeit mache meistens Spaß, wäre gut bezahlt und sie dürfe sich aussuchen, ob sie mit auf’s Zimmer gehen wolle oder nicht.
Bei dem Wort „Zimmer“ wurde ich hellhörig. Auf meinen Wunsch hin gab sie mir eine Führung durch’s Haus. Die Räume waren alle gleich ausgestattet. Blümchentapete an den Wänden, billige, in die Decke eingelassene Strahler, die ein unromantischesbarmherziges Licht absonderten, ein großes Bett mit einem Überwurf, den ein Versandhausdesigner im Drogenrausch entworfen haben musste und in der Mitte eines jeden Zimmers ein Whirlpool. Am Wannenrand standen zwei Spraydosen. Eine mit Sprühsahne und eine mit Badreiniger. Reinlichkeit war offensichtlich oberstes Gebot im Hause.

Als wir gegen 7 Uhr die Örtlichkeit verliessen, begleitete uns der Herr des Hauses bis an die Tür. Auf Grund meines neugewonnenen Selbstbewusstseins als angehende Regisseurin baute ich mich vor ihm auf und fragte, ob er mir einen Job geben würde. Er musterte mich von oben bis unten und antwortete, ohne das Gesicht zu verziehen: Nein.
Nun, wenn man seine Grenzen nicht kennt, muss man manchmal mit dem Kinn direkt hinein geschmettert werden.

In den folgenden Tagen erzählte mein Chef jedem, der es hören oder eben nicht hören wollte, dass ich beim Tanzen an der Stange wie ein Besen aussehen würde. Auch heute gelingt es ihm, steife Geschäftsessen mit dieser Anekdote aufzulockern. Mein Protest und der Hinweis auf mein Interview, dass rein gar nichts mit Tanzen zu tun hatte, sondern lediglich mit der Suche nach Informationen und Halt (angesichts der alkoholgetränkten physischen Kondition) wird stets überhört.

Ein halbes Jahr später klingelte mein Telefon in der Firma. Eine Frau war am Apparat. Sie stellte sich als Frau Krause aus der xy-Straße Nummer 96 vor. Ihre Stimme klang geschäftlich und sie erwähnte, ein Vorstellungsgespräch vor einigen Monaten in ihrer Firma. Ob ich immer noch Interesse hätte. Den Namen der Straße assoziiere ich nur mit einer Geschichte und ich erstarrte. „Woher haben Sie meine Nummer?“ hauchte ich in den Hörer. „Sie haben uns ihre Visitenkarte hiergelassen.“
Oh mein Gott. Offensichtlich war ich damals doch betrunkener, als ich es in Erinnerung hatte. Sie wollte wissen, ob ich schon Erfahrungen in dem Bereich gesammelt hätte. „Na. Das übliche halt. Aber eigentlich..." Sie unterbrach mich. Ihr Geschäftsführer hätte ihr von meinem Tanz mit einer ihrer Angestellten erzählt und es habe ganz “ordentlich“ ausgesehen. Na bitteschön. Ich sehe nicht aus wie ein Besen. Meinem Chef werde ich es schon noch zeigen. „Wieviel zahlen Sie denn?“ Diese Information hatte mir Francesca leider verschwiegen. “Das kommt ganz drauf an. Wahrscheinlich wäre es das Beste, wenn Sie noch einmal zu einem Eignungstest vorbeikommen würden. Dann können wir uns auch über die Formalitäten unterhalten.“ Ich geriet ins Schwitzen. Eine Fortsetzung meiner Dokumentation könnte unter Umständen auch für mich von Vorteil sein. Immerhin belebt Konkurrenz ja bekanntlich das Geschäft und vielleicht beinhaltete diese Geschichte ja Potential für eine Gehaltsverhandlung mit meinem Chef. “Ich habe aber gehört, dass ich mir meine – ähhh – Geschäftspartner aussuchen kann“
In diesem Moment fing die Dame am anderen Ende an, lauthals zu lachen. Meine lieben Kolleginnen kamen um die Ecke und stimmten, ein Telefon am Ohr, in das Gelächter ein. Mittlerweile ging mir ein Licht auf und ich erkannte meine Freundin, die damals ihren zweiten Arbeitstag in unserer Gesellschaft verbracht hatte an dem glucksenden, nach Luft ringenden Röcheln.

Morgen geht es weiter mit „Wie mir Juliette ihre Ohrringe schenkte“.

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Dienstag, 12. Juli 2005
TEASER
cassandra, Dienstag, 12. Juli 2005, 01:15
Filed under: Erinnerungen
Ich arbeite in einer – nun sagen wir mal – etwas ungewöhnlichen Firma. Ein wenig Sekte, ein wenig Therapiegruppe und ganz viel Familie. Mit den üblichen Zickereien und wir-haben-uns-alle-lieb-Umarmungen, kleinen und großen persönlichen Aussprachen, jeder Menge Klatsch und Tratsch und einem Chef an der Spitze unseres Weiberhaufens.
Hin und wieder gibt es auch andere männliche Angestellte. Die sind jedoch eher klein, schmalbrüstig und Anfang bis Mitte Zwanzig.
Das schlimme an unserer Firma ist, das man nicht wegkommt. Diejenigen, die den Absprung in die weite Welt dort draussen geschafft haben, wollen alle wieder zurück (es sei denn, sie wurden kollektiv vertrieben, weil sie der Familienidylle schadeten und selbst von denen klopfen einige mit dem Versprechen, sich gebessert zu haben, wieder an die Firmentür).

So unterschiedlich ein jeder von uns ist, gibt es doch eine Gemeinsamkeit, die scheinbar Einstellungskriterium ist: Trinkfestigkeit. Unsere Partys sind legendär und wenn wir irgendwo einfallen, erzählt man sich davon noch Jahre später.

Zwei Mal im Jahr erreicht das sündige Partyleben seinen Höhepunkt. Enden tun diese orgastischen Feierlichkeiten in der Regel im Puff.
Zum einen wäre da der alljährliche Besuch der Kirmes an einem Donnerstag, der, nachdem wir auch aus der letzten schlechten Altstadt Diskothek herausgeschmissen werden und auch rein gar nichts mehr geöffnet ist, auf einen kleinen Absacker in zwielichtigen Etablissements endet und zum anderen die Werbefilmfestspiele in Cannes, wo nach 5 Uhr morgens kein Getränk mehr zu erwerben ist.

In den nächsten Tagen möchte ich an dieser Stelle über meine Erlebnisse aus dem Rotlichtmilieu berichten was tut man nicht alles für seine Zugriffszahlen.
Also schauen Sie morgen wieder rein und lesen Sie:
„Als ich mit Francesca an der Stange tanzte und weshalb mich mein Chef noch heute auslacht“.

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LEBENSWEISHEITEN EINER RENOVIERENDEN UMZIEHENDEN
cassandra, Montag, 11. Juli 2005, 16:11
Filed under: Alltag
1. Tapetenabklebeband und Latexfarbe vertragen sich ausserordentlich gut miteinander. Sie gehen sogar eine sehr innige und untrennbare Beziehung ein. Da Klebestreifen an den Wänden jedoch das ästhetische Empfinden der Wandmieterin stören und sie versucht ist, selbigen wieder zu entfernen, kann man mit Hilfe des Streifen die komplette Farbe gleich wieder mit abziehen. Sieht richtig scheiße aus. Aber wer bin ich schon, dass ich das junge Klebeglück zerstören will.

2. Von Plänen, innerhalb von vier Wochen umzuziehen (inkl. Wohnungskündigung, Nachmietersuche, Renovierung der neuen Wohnung) ist abzuraten, wenn die Betreffende zwei von den vier Wochen in Bayern und Cannes rumschwirrt und in den anderen beiden Wochen Vollzeit arbeitet.

3. Zum Bloggen kommt man in solchen Zeiten natürlich auch nicht, obwohl es die eine oder andere Geschichte aus Cannes wert wäre, erzählt zu werden.

4. Für das Abreissen von zwei Schichten alter Tapete und mind. vier Farbanstrichen auf Rigips, verteilt auf 15qm Wand, sollte man gut 5 Nächte einplanen. (Die Hälfte der Zeit geht allein für's Fluchen und die Wein/Zigarettenpausen drauf.)

5. Die Nachmietersuche ist eine nervende Angelegenheit und Wohnungssuchende verlogene, unzuverlässige Schmarotzer.

Prinzipiell interessieren sich nur zwei Kategorien von potentiellen Nachmietern für meine unrenovierte kunterbunte Wohnung: Homosexuelle und junge Mädchen, die mit der ganzen Familie einfallen.

FRANK
Frank hyperventilierte bereits am Telefon. Ob die Wohnung denn noch frei wäre und ob er sie sofort besichtigen könnte. Frank sagte sogar seine anderen Besichtigungstermine ab, denn er hatte sich verliebt.
Als er dann meine Wohnung betrat, kam er aus dem Jauchzen nicht mehr heraus. Er hüpfte aufgeregt durch die Zimmer und sprang in seinem Übereifer auf den Wassernapf der Katzen, der in viele Einzelteile zersprang.
Sogar die Küche wollte er mir abkaufen (und die Möbel, dem musste ich allerdings Einhalt gebieten). Er bot mir 500 Euro. In einem kurzfristig auftretenen Überschwang der Gefühle wollte ich jedoch nur 400 Euro haben. Er wollte den Vertrag so schnell wie möglich unterzeichnen und einziehen.
Am nächsten Vormittag rief ich ihn an, um nach der Faxnummer zu fragen, an die ich die Unterlagen schicken könnte. Frank hatte es sich jedoch über Nacht anders überlegt und trotz abgesagter Besichtigungstermine eine andere, billigere Wohnung gefunden.

Ich überlege derzeit noch immer, ob ich ihn für die Tatsache, dass meine Katzen seit zwei Wochen nichts mehr zu trinken bekommen haben, verantwortlich machen kann.

FRANZISCA
Der Liebste hatte für den vorletzten Samstag seinen Besuch angekündigt.
Ein exakt ausgearbeiteter Zeitplan sollte die Vorbereitungen für das geplante Renovierungswochenende Liebeswochenende mit der Zweiwohnungslogistik koordinieren: 10 Uhr aufstehen, alte Wohnung aufräumen, Supermarkt, Getränkemarkt, Weinhändler, Baumarkt, Auto in der neuen Wohnung ausladen, Auto in der alten Wohnung ausladen, 15:30 Uhr Badewanne (Beine rasieren), 15:45 Uhr Besichtigungstermin mit Franzisca und Lebensgefährten, 16:00 Uhr Abfahrt zum Bahnhof, 16:05 Uhr Liebsten in Empfang nehmen.

Punkt 15:30 Uhr stieg ich in die Badewanne. Das Haar war gerade eingeschäumt, der Rasierer lag griffbereit, als es an der Tür schellte. Für einen Moment lag ich wie erstarrt und versuchte, zu überlegen, wie ich mit der Störung meines empfindlichen Zeitkonstruktes umgehen sollte. Es schellte erneut. Ich sprang aus der Wanne und betätigte den Summer für die Haustür. Ich hatte wohl zu kurz auf den Knopf gedrückt, denn die Klingel ertönte erneut. Pitschnass lief ich durch die Wohnung und versuchte, etwas zum anziehen zu finden. Als ich die Wohnungstür öffnete, erwartete mich im Hausflur gähnende Leere. Keine Franzisca, die die Treppe hinaufkam. Für einen Moment überlegte ich, ob es sich vielleicht um jemand anderen gehandelt haben könnte. Ich setzte mich in meinen mittlerweile nassen Klamotten an den Küchentisch und wartete. Um 15:50 Uhr wählte ich Franziscas Nummer. Das Handy klingelte, doch niemand ging ran. Ich zog mich aus und kehrte in die Wanne zurück. Inzwischen hatte ich meinen Zeitplan gefährlich überschritten. Während die Klingen über die Haut glitten, wurde ich immer wütender angesichts der Unverschämtheiten, die man sich bei der Nachmietersuche gefallen lassen muss. Da der arme Liebste inzwischen unabgeholt am Bahnhof stand, hetzte ich durch die Wohnung, stieg in die feuchten Sachen und eilte die Treppe hinunter. Auf halben Wege wurde mir bewusst, dass etwas fehlte. Ich hatte den Autoschlüssel in der Wohnung vergessen. Die Rückkehr in selbige wurde jedoch durch die Tatsache vereitelt, dass sich der Wohnungsschlüssel in seiner Gesellschaft befand.
Ich verbrachte also die nächste Stunde in Gesellschaft des Liebsten, der mit der Straßenbahn kommen musste, mit nassen Haaren auf der Treppe im Hausflur, um auf meinen Ersatzschlüssel zu warten.
Meine Rachepläne, die grob etwas mit Telefonterror und bösen Verbalattacken auf Franzisca zu tun hatten, habe ich inzwischen ad akta gelegt.

JULIA
Julia hatte Mutti und Vati im Schlepptau, als sie letzten Sonntag vorbeikam. Sie hatte den Termin am Tag davor auf halb elf vorverlegt. Vollkommen verzweifelt, da ich immer noch keinen Nachmieter gefunden hatte Zähneknirschend hatte ich zugestimmt, wohlwissend, dass der Liebste und ich eher Wochenendlangschläfer sind.
Der Wecker klingelte um 10 Uhr. Da ich mich für wach hielt, schaltete ich ihn aus, nur um eine halbe Stunde später von der Klingel geweckt zu werden. Panisch sprang ich in eine Hose und ein Shirt, setzte mir die neben dem Bett liegende Brille auf und öffnete die Haustür.
Vier Stockwerke Zeit, um den Liebsten wach zu bekommen. Er murrte ein wenig und war eher unerfreut. Er konnte seine Brille nicht finden und weigerte sich, das Bett ohne selbige zu verlassen.
Der Gedanke, Julia ihre neues Schlafzimmer samt eines nackten, mürrischen, blinden Mannes im Bett, zu präsentieren, war befremdlich.
Hektisch lief ich durch die Wohnung, auf der Suche nach der Sehhilfe.
Wenige Sekunden bevor die Türklingel schellte, realisierte ich dass ich die Brille des Liebsten auf der Nase trug.
Ich führte Julia nebst Eltern solange durch das eine Zimmer und referierte über die Geschichte des Hauses, bis sich die Schlafzimmertür öffnete und ein bekleideter Liebster erschien und "Morgen" murmelte.
Julia hat sich nach ihrer morgendlichen Störung natürlich nicht mehr gemeldet (dabei sah der Liebste ganz manierlich aus).

6. Es ist äussert hilfreich, in Phasen wie diesen einen Liebsten an seiner Seite zu wissen, der Tapeten anklebt, alle Umzugskartons packt, schaut, ob die Wasserwaage gerade ist, Ikeamöbel zusammenschraubt und Frusttränen wegstreichelt.

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