Cassandras Kopfkino
Freitag, 4. März 2005
TRAUMA COMPETITION
cassandra, Freitag, 4. März 2005, 21:34
Filed under: Erinnerungen
Ich würde mich prinzipiell ja sehr gerne an dem von Herrn Sebas ausgerufenen WORST TRAUMA PICTURE COMPETITION beteiligen. Ich habe zwar eine Affinität zu blauen Flecken, die aus dem Nichts entstehen, diverse Motorradunfälle hinter mir (da ich leider weder Motorrad fahren kann, noch einen Führerschein habe) und unzählige Bügeleisen- und Backofennarben (heißes Metall zieht mich magisch an), aber ich fürchte, dass dieses Material nicht ganz im Wettbewerb mithalten kann. Schlimmer noch, die meisten meiner traumatischen Erlebnisse lassen sich gar nicht in Bildern festhalten.
Über mein Erstkuss Trauma habe ich bereits ausführlich berichtet.
Heute möchte die Hintergründe zu meinem Gesangstrauma erörtern, welches im zarten Alter von 11 Jahren seinen Ursprung fand.
Meine Mutter war Musik-Pädagogin. Von der ersten bis zur fünften Klasse war sie sogar meine Musiklehrerin. Ich wurde gezwungen, in den Schulchor einzutreten und durfte mich in jungen Jahren am Erlernen des Klavier-, Flöten- und Gitarrenspiels erproben. Der Erfolg des ersteren scheiterte kläglich an meinem Unvermögen zu singen, letzteres wurde dank meiner Faulheit und meines Desinteresses zum Desaster.
Alljährlich fand in der Schule ein Talentwettbewerb statt. Ich habe ganz bestimmt einige Talente, aber irgendjemand hatte sich in den Kopf gesetzt, dass ich in der 4. Klasse ein russisches Volkslied über ein Äpfelchen in einem Korbe zum besten geben sollte. Die Melodie war extrem kompliziert, die Stimmlage weit jenseits der meinigen und der Text war (natürlich) auf russisch. Ganz schön viel für so ein kleines Geschöpf. Leider konnte ich mir die Melodie nicht merken. Sobald meine Mutter mir den ersten Ton vorgab, klappte es einigermaßen, tat sie es jedoch nicht, konnte ich nicht mehr singen, weil ich mich an keinen einzigen Ton erinnern konnte.
An meinem großen Tag stand ich (ich glaube, bei uns gab es keine Aula, es war wohl die Cafeteria, damals noch Schülerspeisung genannt) auf einer Bühne, die Augen von ca. 600 Erst- bis Zehnklässlern auf mich gerichtet und setzte zu meinem Lied an. Der erste Ton entrang sich meiner Kehle und ich wusste sofort, dass es nicht der richtige war. Und ich wusste, dass ich die Melodie des Liedes nicht mehr wusste. Also improvisierte ich. Da mir der Text bekannt war, dachte ich mir während ich sang, einfach eine neue Melodie aus. Prinzipiell ein guter Plan. Wenn man singen kann. In meinem Fall war es ein akustischer Alptraum. Ich presste die Silben und Worte, deren Bedeutung mir bis heute schleierhaft ist (wie gesagt, es ging um einen Apfel, der in irgendeinem Korb liegt), in absurde, sehr hohe Töne. Versuchte, einen großen Tonumfang darzubieten, weil dies im Original ebenso ist. Bereits nach wenigen Sekunden begannen die ersten Leute im Publikum zu lachen. Tränen bahnten sich ihren Weg in meine Augen, doch ich wollte das ganze zu einem respektierlichen Ende bringen und gab weiter fiepende Russischvokabeln von mir.
Nach der ersten Strophe war die Stimmung bei den Zuhörern äußerst ausgelassen. Schenkel wurden geklopft, Lachtränen standen in vielen Augen und die Lautstärke des grölenden Publikums übertönte inzwischen meinen Gesangsversuch. Die Schadenfreude über das Versagen der Tochter der Musiklehrerin, die auf Grund ihrer Autorität ein wenig von den Schülern gefürchtet wurde, stand in alle Gesichter geschrieben.
Heulend rannte ich von der Bühne.

Seitdem habe ich es vermieden, die Öffentlichkeit mit meinen Sangeskünsten zu belästigen. Seltsamerweise kann ich bis zum heutigen Tag die erste Strophe des Liedes singen. Ich weiß den Text auswendig und intoniere die schwierige Melodie fehlerfrei bis zu dem Punkt, an dem ich damals abgebrochen habe.

Letztes Jahr wurde ich in Cannes zu einer Party der russischen Werbeindustrie geschliffen. Weder die mich begleitenden Herren, noch ich waren eingeladen. Trotzdem wurden wir in diesem kleinen Kreise mit sehr viel Herzlichkeit geduldet. Die Party war vermutlich die beste Werberparty, auf der ich jemals war. Das Buffet war ein Traum und rief viele Kindheitserinnerungen wach. Wir tranken Wodka und eine lustig gekleidete Volksmusikcombo sorgte für die musikalische und tänzerische Unterhaltung. Ich schmolz dahin unter der Musik, die ich seit mindestens 15 Jahren nicht mehr gehört hatte. Irgendwann kam die Sängerin, eine betagte, üppig geformte Mamutschka zu unserem Tisch und fragte nach Musikwünschen. Auf Englisch erklärte ich ihr, dass ich sehr gerne das Lied von dem Äpfelchen im Korbe hören würde. Leider wusste sie auch nicht, welches Lied ich meinte, als ich ihr den russischen Text rezitierte. Erst als ich sehr leise und vorsichtig begann, das Lied zu singen, unterbrach sie mich nach den ersten Tönen, rief ihren Musikern etwas zu und sang dann MEIN Lied. Es war wunderschön. Das Publikum sang mit, tanzte und klatschte. Ich musste mich sehr beherrschen, um nicht ein weiteres Mal in meinem Leben bei diesem Lied zu weinen.

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Mittwoch, 22. Dezember 2004
VON DER CHANCE, SICH ZWISCHEN EINEM KERL UND EINEM FAHRRAD ZU ENTSCHEIDEN
cassandra, Mittwoch, 22. Dezember 2004, 11:07
Filed under: Erinnerungen
Bis zu heutigen Tage bin ich immer noch nicht in den Genuss von Blitzlichtgewitter, in Ohnmacht fallenden pickligen Jungs und nach einem Autogramm kreischenden Teenies gekommen. Wenngleich ich zweimal ganz knapp an der Berühmtheit vorbeigeschlittert bin.
Vergessen wir mal die Theaterauftritte in der ostdeutschen Provinz, in der ich die nackte Auguste aus Dürrenmatts „Meteor“ mit viel Enthusiasmus spielte.
Meine erste Chance vor eine Kamera zu treten bekam ich vor ein paar Jahren. Ich war jung, schön und Single. Grund genug für ein paar Caster, mich in einer sehr schlechten Diskothek, in die mich meine Wege nur durch Zufall und aus Langerweile geführt haben, anzusprechen. Sie fragten, ob ich denn Lust hätte, mich für eine geplante Single Show auf SAT. 1 casten zu lassen. Ich hatte. Wie bereits erwähnt, war ich jung. Und naiv. Nicht unbedingt wild darauf, ins Fernsehen zu kommen, aber wild an allem interessiert, was mit Film und Fernsehen zu tun hatte. Einen Blick hinter die Kulissen einer Show zu werfen, ein Teil des ganzen zu sein erschien mir damals verlockend.
Zwei Wochen später klingelte das Telefon. Man wäre begeistert von mir, wollte mich unbedingt in der Show. Lektion 1 der Motivationsschulung. Du bist toll. Deine Ausstrahlung hat unsere Produzenten begeistert. Wir wollen Dich unbedingt in der Show haben. Würdest Du auch Fallback sein. Du bekommst 80 Mark und musst nur da sein. Falls einer der Hauptkandidaten ausfällt. Das heisst nicht, dass wir dich nicht als Hauptkandidaten wollen. Wir wollen eine ganze Show mit dir als Hero machen. Aber momentan suchen wir noch Fallbacks. Du musst nichts machen. Nur da sein und zuschauen. Dann siehst Du gleich mal, wie das abläuft, ohne Druck und so... Klar, hatte ich Lust. Geld brauchte ich auch immer. Ich machte mich daher eine paar Tage später auf dem Weg nach Köln-Hürth. Nun waren leider alle Kandidatinnen ausgefallen. Ich konnte zwar nicht drei Damen ersetzen, doch zum Glück hatte die Produktionsfirma vorgesorgt. Auf diese Weise war ich nicht die einzige, die mit der Nachricht konfrontiert wurde, in ein paar Stunden vor eine Kamera und einen gefüllten Zuschauerraum treten zu müssen.
Dennoch wurde es Zeit für Teil 2 der Motivationsschulung: Macht gar nichts. Nun werde nur nicht nervös. Das kriegen wir schon hin. Hast Du was besseres zum anziehen? Egal. Du bist eh so viel besser, als die Kandidatinnen, die wir vorher hatten.
Man steckte mich in einen oben-herum-Fummel, der eigentlich der Moderatorin gehörte. Meine Hose durfte ich anbehalten. Dann ging es in die Maske. Ha. Das war aufregend. Ich hatte noch nie ein/einhalb Stunden still vor einem Spiegel gesessen, während eine betagte Dame in meinem Gesicht herumwischte. Neunzig Minuten und acht Millimeter Gesichtsauftrag später, erkannte man mich nicht wieder. Meine Motivationstrainer (übrigens die selben, die mich in der Diskothek aufgelesen hatten) beäugten mich kritisch.
Irgendetwas war anders. Ich hatte doch tatsächlich vergessen zu erwähnen, dass ich in den zwei Wochen, die zwischen Casting und Fallbacktätigkeit lagen, meine langen dunklen Haare gegen kurze blonde eingetauscht hatte. (Ich bitte vielmals um Verzeihung. EINMAL im Leben darf man blond sein. Auch wenn die Haare im Schnitt nur 4 cm lang sind. Es war eine kurze Phase (erstaunlich, wie viel Wortspiele sich um das Thema Haare basteln lassen.). Alle Frauen, die ich kannte fanden es „Mutig, aber ich würde mich das nie trauen“ und alle Schwulen “Geil“. Heterosexuelle Männer bedachten mich jedoch mit Sprüchen, wie “Es kommt eh’ nur auf die inneren Werte an.“ und “Vielleicht kannst Du den Friseur ja verklagen.“. Da ich damals ein sexuell aktives Wesen war, das Wert auf den Kontakt zu heterosexuellen Exemplaren der männlichen Gattung legte, habe ich nach einer sich für meinen Stolz ziemenden Zeit wieder umgefärbt. Dies ist übrigens der einzige Grund, aus dem ich dieses Foto veröffentliche, denn man würde mich nicht auf der Straße erkennen.)
Da ich nun ein wenig vom Thema abgeschweift bin, möchte ich an dieser Stelle kurz das grandiose Konzept dieser Show erläutern. Die Show hiess „BUZZ. Singles am Drücker.“ Nie davon gehört? Nun das könnte an der Genialität der Sendung liegen: Drei Single Weibchen mussten sich hinter einer Schattenwand vorstellen. Der männliche Kandidat durfte auf Grund der Vorstellungen und Körper-Silouhetten eine Dame sofort herausschmeissen. Die anderen beiden Damen wurden dann zu ihm auf die Bühne gebeten und er durfte ihnen Fragen stellen. Daraufhin konnte er seine Wahl zwischen ihnen treffen und dann ging es in die finale Runde. ER und SIE mussten sich in eine Art Kabuff stellen und 10 Fragen der Moderatorin beantworten. Übereinstimmende Antworten hatten einen Einfluss auf die Aspekte des gemeinsamen Urlaubs, den die beiden gewinnen konnten. Zum Schluss durfte SIE dann entscheiden, ob sie mit ihm wegfahren wollte oder lieber ein Fahrrad haben möchte. Das ganze wurde dann noch einmal umgekehrt gespielt: drei Typen und eine Hero-Frau.
Ich glaube, das Publikum war einfach noch nicht reif für ein derart ausgefeiltes Konzept. Ihm dürstete nach mehr „Realität“. Daher wurde die Show damals nach ein paar Ausstrahlungen abgesetzt.
Zu meiner Verteidigung sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich erst zum Zeitpunkt der Maskenauftragung erfuhr, was mich erwartete.
Nach selbiger ging es zur Texterschmiede. Es war natürlich ausgeschlossen, dass ich in der Lage wäre, mir selbst ein paar zusammenhängende Worte zurechtzulegen, um meine Person hinter der Schattenwand gebührend zu präsentieren. Daher interviewten mich zwei Leutchen der Motivationsschule zu meinen Hobbys und Lebensgewohnheiten. Sie schrieben danach mit dem Gesagten einen flippig-fetzigen Text, der sich doch tatsächlich reimte. „Hey. Ich bin die aus Düsseldorf stammende Cassandra. Spaß haben ist mein Mantra. Mein Hobby ist die Schwarz-weiss-Fotografie, genau. Und deshalb ist meine Katze für mich auch am Tage grau. usw.“ So in der Art. Hübsch. ICH WAR DAMALS WIRKLICH JUNG UND BLÖD NAIV. Genau genommen war ich furchtbar aufgeregt und es war mir damals ziemlich egal, ob ich mich zu einem Vollklops machte. (Meine Freunde schauen sich so etwas eh’ nicht an.) Ich musste den Text auswendig lernen. Habe ich schon erwähnt, dass der Text gerapt werden sollte und ich dabei wild herumhoppeln sollte? Nun. Ich hatte sogar einen Trainer, der mir beibrachte, wie ich mich cool-lässig-wippend zu meinen Reimen zu bewegen hatte. Während der ganzen Prozeduren wichen meine Motivationstrainer nicht von meiner Seite. “Du bist so lässig. Du machst das echt toll. Quatsch. Das ist nicht affig. Groovig. Echt wahr. Wir haben uns bereits die anderen Kandidatinnen angesehen. Du machst das echt am besten. Du rapst und tanzt so natürlich. Voll gut, Mann. Außerdem siehst Du so was von wahnsinnig gut aus. Echt und total geil.
Die ganze Vorbereitung zog sich über einige Stunden hin. Meine neu-gewonnen „Freunde“ hatten mich ermutigt, ein paar Freundinnen einzuladen, die meinen Auftritt im Publikum verfolgen könnten. Das habe ich in meinem vorüberauftretenden Schwachsinn tatsächlich getan. Es gibt doch nichts schöneres, als ein paar Freundinnen, die die größte Peinlichkeit deines Lebens life miterleben.
Endlich ging es auf die Bühne.
Der Herr Kandidat stellte sich vor und beantwortete ein paar Fragen der Moderatorin.
Leider fand diese Vorstellung außerhalb meiner Wahrnehmung statt, da ich mit Kopfhörern, die irgendein Gedudel von sich gaben, hinter der Bühne stand. Dank meinen Freundinnen und meinen eigenen Eindrücken, die ich später sammeln durfte, kann ich ihn jedoch recht gut beschreiben. ER war ca. 170 cm groß, hatte lange schwarze – sehr gut gepflegte – Haare und trug ein schwarzes, weit ausgeschnittenes Muscle-Shirt. Sein Teint war gut durchgebräunt und ja – er mag Spiegel im Schlafzimmer, weil er mit ihrer Hilfe seine eigene Performance im Auge haben konnte. (Das denke ich mir jetzt WIRKLICH nicht aus, das war seine Antwort auf die Frage der Moderatorin.) Auf die Frage, wie seine Traumfrau aussehe, antwortete er “Lange Haare, gutgebaut.". Der aufmerksame Leser wird sich nun meine bereits erwähnten 4 cm kurzen blonden Stoppel in Erinnerung rufen. Was ich nicht erwähnt habe, ist, dass es sich bei meinen Mitbewerberinnen um vollbusige, kurz-berockte, langhaarige Grazien handelte, deren IQ sich umgekehrt proportional zu ihrer Haarlänge verhielt und deren Rap-Text mindestens genauso hohl wie der meinige klang. Klein-Cassandra hoppelte daher auf-Grund-der-Kopfhörer-vollkommen-ahnungslos hinter die Schattenwand, sagte ihren Spruch fehlerfrei und an den richtigen Stellen betont auf, bewegte sich aufreizend im nicht vorhandenen Rhythmus der Worte und – flog raus. Sofort. Ungesehen. Ohne zweite Chance. Raus und vorbei.
Aber, HALLO! Auch für diesen Fall hatten die Motivationstrainer vorgesorgt. Sie hatten uns genaueste (Text-)vorgaben für einen eventuellen Rausschmiss diktiert. Trotteliges, Adrenalin-geputsches Herdentier, das ich war, habe ich diese auch exakt befolgt. Ich hüpfte daher freudestahlend an „Winnetou-in-arm“ vorbei, streifte die Kamera, warf einen tiefen Blick hinein und hauchte “Egal. Aber. Hey. Der Kameramann ist ja auch ein ganz Süßer.“
Ich versinke vor peinlich berührter Ehrfurcht in den Boden. Hatte ich erwähnt, das ich jung war und...
Ich hoffe, ich erkläre mit meiner Geschichte ein wenig, warum es so viele Trottel im deutschen Fernsehen gibt.
Den Rest der Show durfte ich mit meinen Freundinnen im Backstagebereich vor der Videoausspielung verfolgen.
Wir haben uns köstlich amüsiert. Die Show musste diverse Male abgebrochen werden, da die Auserwählte ständig ein Brett vor dem Kopf hatte. Es handelte sich um die letzte Runde. Beide standen in ihren Kabuffs, mussten Fragen beantworten, indem sie ein Schild hochhielten, auf dem JA oder NEIN stand. Die Anweisungen des Regisseurs waren deutlich. “Haltet das Schild über den Kopf, damit man es lesen kann und trotzdem euer Gesicht sieht.“ Die Dame kriegt das nicht wirklich hin. Jedes Mal hielt sie das Schild vor ihren Kopf. Zur Belustigung des Publikums, das inzwischen alle Antworten kannte, wurde das Spiel fünf Mal wiederholt. Sie gewannen eine hübsche Reise und SIE entschied sich, mit dem Herrn Kandidaten die Reise anzutreten und auf das Fahrrad zu verzichten.

Es wurde ein sehr lustiger Abend. Auf der Party nach der Aufzeichnung kam dann der Herr Kandidat nicht mit der Dame zusammen, die er gewonnen hatte, sondern mit der Hero-Kandidatin der zweiten Runde.
Meine neu-gewonnen motivierungsstarken Freunde zogen es vor, unter sich zu feiern und kannten mich plötzlich nicht mehr. Letzte Lektion zum Thema Motivierung: "Wir wussten von Anfang an, dass du zuerst rausfliegst. Er steht halt auf lange Haare und deine sind ja total kurz.“
Ich hatte gottseindank meine Freundinnen da und wir tranken erst einmal auf mein Glück, nicht gewonnen zu haben.
Geld bekam ich leider keines. Dadurch, dass ich vom Fallback zur Kandidatin befördert wurde, hatte ich ja die Chance, einen aufregenden Urlaub mit einem Traummann oder ein Fahrrad zu gewinnen.
Mein erster Blick hinter die Kulissen hat mich eine Menge gelehrt.
Ein paar Monate später ereilte mich ein Anruf der Produktionsfirma, mit der Frage, ob ich Lust hätte, bei einer ganz neuen, aufregenden Show mitzumachen. Ein paar Promis singen irgendetwas und ich stehe im Publikum und tanze. Der Fokus liegt natürlich auf der super Stimmung im Publikum. Ich könnte gerne auch ein paar Freundinnen mitbringen. Ich fragte, was ich dafür bekommen würde. Leichte Irritation am anderen Ende der Leitung. Na: ganz viel Spaß mit deinen Freundinnen Nein, danke. Den habe ich auch so.
Mein triumphaler Untergang in einer Fernsehshow wurde durch die Mädels erst spaßig. Trotzdem machte ich mir ein paar Gedanken darüber, was passieren würde, wenn jemand anderes die Show sehen würde. Ein Päckchen von SAT.1 erlöste mich von meinen Qualen. Ein Schreiben verkündete mir, dass die Pilotsendung leider nicht ausgestrahlt werden würde, weil man noch einige Änderungen im Bühnenbild in Betracht zöge. Als Trost für meinen verpassten Fernsehruhm hatte man dem Brief ein SAT.1 T-Shirt in Größe XL beigefügt. Ich habe mich über die Maßen gefreut.
Bleibt jetzt nur noch der 12-seitige Vertrag, in dem ich alle bestehenden und zukünftigen Rechte an meiner Person abgetreten habe. Aber an den komme ich auch schon noch ran.


Jetzt bin ich müde und der Text ist auch ein wenig lang geraten.
Daher der nächste und letzte Teil der „Almost Famous“ Serie ein anderes Mal. Es handelt sich um meinen Auftritt in dem legendären deutschen Blockbuster, der zur Zeit im Kino läuft. Cassandra goes Hollywood Cannes.

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Mittwoch, 10. November 2004
GEDENKTAG
cassandra, Mittwoch, 10. November 2004, 01:55
Filed under: Erinnerungen
Eigentlich ist es bereits zwei Stunden zu spät. Aber vor lauter durch die Auswirkungen des Kapitalismus verursachten, dass konnte ich mir jetzt nicht verkneifen Stress habe ich es ganz vergessen. Ich gedenke heute den Ereignissen, die unbeabsichtigt dazu geführt haben, dass ich hier sitze und der Mensch bin, der ich bin. Ich möchte meine Vergangenheit nicht missen, bin glücklich, auf eine Art und Weise aufgewachsen und erzogen worden zu sein, die immer Bestandteil meiner Persönlichkeit sein wird und die Chance erhalten zu haben, einen Gesellschaftwandel - was es letzten Endes für mich darstellt, unabhängig von seinen Vor- und Nachteilen - miterlebt zu haben.
Den Mauerfall habe ich als ursprüngliche Potsdamerin (!) und extrem wohlbehütetes Töchterchen eines NVA Offiziers und einer Lehrerin, nicht einmal wirklich miterlebt.
Ich wachte eines Morgens auf und sie war weg. Ich erfuhr den Meilenstein der deutschen Geschichte zwischen Toast und einer Tasse Milch. "Hä? Quatsch." War wohl meine damalige Reaktion.
Erst zwei Tage später durfte ich den wilden Westen entdecken. Er hatte stets diesen eigenartigen Geruch. Ich kann ihn nicht beschreiben. Selbst eine heimlich in den Osten geschmuggelte Bravo oder Popcorn hatte diesen Geruch. Ich habe ihn immer als Geruch des Westens bezeichnet. Exotisch. Eine Mischung aus Gewürzen, Parfümen, Vielfalt, Freiheiten, Abgründen, Erlebnissen. Als ich das erste Mal durch ein Kaufhaus in West-Berlin lief, waren es nicht die Farben, Produkte, Bilder und die Vielfalt, die mich schwindelig machten, sondern einzig und allein die unzähligen Düfte, die mich in Trance versetzten. Es ist so unglaublich schade, dass ich die Fähigkeit, diesen Geruch wahrzunehmen, bereits nach wenigen Wochen verloren habe.
Viel ist in 15 Jahren passiert. Ich möchte nicht darauf eingehen, was dabei gut oder schlecht gelaufen ist.
Ich geniesse es einfach, hier gerade auf meinem Sofa zu sitzen, nicht als Ossi oder Wessi oder Deutscher, sondern als Mensch, der durch seine Vergangenheit geprägt wurde.

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Montag, 1. November 2004
WINNETOU
cassandra, Montag, 1. November 2004, 20:44
Filed under: Erinnerungen
Da heute offensichtlich Winnetou Tag auf Kabel 1 ist, möchte ich an dieser Stelle der ersten großen Liebe meines Lebens gedenken.
Hilfe, was habe ich ihn vergöttert, diesen Mut, seine Großzügigkeit (immerhin hat er die Liebe seines Lebens für den Frieden zwischen den Weißen und den Indianern geopfert), seinen Instinkt, seine unendliche Menschenliebe. Es gab damals keinen anderen Mann, den ich derart bewundert habe. Abgesehen von Old Shatterhand. Als kleines Mädchen träumte ich davon, mit den beiden Herren in wilder Ehe zusammenzuleben. Ihre Freundschaft hätte eine Beziehung mit der selben Frau zweifelsohne verkraftet. Ich brachte mir "indianische" Verhaltensweisen bei. Lief mit besonnener, keine Gefühle offenbahrender Miene durch die Gegend, die meine Umwelt aus Unwissenheit als kindliche Arroganz interpretierte.
Eines Tages schrieb ich Winnetou (oder besser seinem Vertreter in der Realität, Herrn Brice) einen langen Brief. Ich hatte gehört, dass er Geburtstag hatte und deshalb schickte ich ihm meine Glückwünsche und stellte ihm ein Dutzend Fragen. Old Shatterhand ist eines Tages verarmt und unbekannt auf einer Straße in den USA zusammengebrochen und gestorben. Ich wollte wissen, wie Winnetou mit diesem Verlust umging, ihn verkraftete, was nun aus ihm, ohne die Unterstützung durch den geliebten Freund werden würde. Die Antwort erlangte mich einige Wochen später. Begierig riss ich den Umschlag auseinander. Darin steckte ein unterschriebenes Foto von einem alten, abgehalfterten Mann mit zotteligen Haaren und ein Werbeprospekt für die Karl-May Festspiele in Bad Segeberg. Das war das Aus. Von da an wandte ich mich eher realen Männern zu.
Da ich alle Karl May Bücher gelesen, alle Filme hunderte Male gesehen und Winnetou meine zarte junge Liebe derart mit Füssen getreten hat, werde ich jetzt Fahrenheit 9/11 sehen.

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Mittwoch, 27. Oktober 2004
ODE AN DIE JUGEND (vollkommen poesie-frei)
cassandra, Mittwoch, 27. Oktober 2004, 23:02
Filed under: Erinnerungen
Ein wichtiger Aspekt bei der Positionierung einer Wettbewerbsmarke ist die so genannte Copy-Analyse.
Im Bereich des Marketings ist nämlich nicht die Realität des Angebots als real zu betrachten, sondern die Vorstellung der Kunden über die Realität des Angebots.
Bei der Analyse der Positionierung eines Produktes im Markt zieht man daher bestimmte Faktoren in Betracht.
Einige dieser Faktoren sind wie folgt:
• Main Benefit („Vorteile“ des Produktes)
• USP („Unique Selling Proposition“)
• Reason Why (Anspruchsbegründung)
• Tonalität
• Zielgruppe
• Slogan

Wir fanden es damals nach der Ausbildung wohl lustig, alle unsere Mit-Azubis einer solchen Copy Analyse zu unterziehen. Der Mensch als Produkt. Die Ergebnisse wurden dann in einer Zeitschrift veröffentlicht.
Als ich meine Mutter mit dem Bild konfrontierte, dass meine Freunde und Leidensgenossen von mir hatten, wurde sie nur blass. Gesagt hat sie dazu nichts.

Verständlich.

Ich habe heute ein altes Exemplar dieser Zeitschrift hervorgekramt und dort stand das folgende:

• Benefit:
Lernwunder
Mitteilungsbedürftig
Starfotografin
Schlafzimmerblick
Naiv
Triebgesteuert

• USP:
Niedrige Hemmschwelle
Sommerlichste Klamotten im tiefsten Winter
Lebt auch ohne Schlaf

• Reason Why:
Ossi
Frönt den weltlichen Genüssen
Kreativ

• Tonality:
Bumsfidel
Frech, verträumt, naiv, sympathisch

• Zielgruppe:
Geschlechtsreife Männer

• Slogan:
„Waaaas?“
„Lernen? Das mach’ ich morgen früh in der Bahn.“
„Hallo, ich bin Cassandra. Wie geht deine Hose auf?“

Tja. War schon eine wilde Zeit damals.
Zwanzig Jahre alt. Was habe ich damals eigentlich gemacht? Partys feiern, fast jeden Abend die Woche. Ich fand’ es damals witzig, an einem Abend mit zwei Kerlen (nicht gleichzeitig) geschlafen zu haben oder mit zwei Kerlen (gleichzeitig) im Bett gewesen zu sein. Wir haben damals aus Spaß während der (extrem monotonen) Arbeitszeit angefangen, via firmeninternen Chat ein Drehbuch für eine Soap zu schreiben. Wir waren die Darsteller, die Firma unsere Location, wir erzählten unsere Geschichten und benannten das ganze nach einer infantilen, damals populären Serie, die rein zufällig fast die gleiche Postleitzahl hatte wie wir. Ich lebte in einer Soap. Inmitten von Menschen, die nie arbeiten müssen und nur für ihre Probleme, Intrigen und amourösen Geschichten, fernab irgendwelcher Realitäten leben. Die (unsere) Welt war ein Kokon.
Na gut, arbeiten mussten wir schon, manchmal sogar bis in die frühen Morgenstunden. Nebenbei musste ich meinen eigentlichen Lebensunterhalt in Kneipen und bei H&M verdienen. Vermutlich habe ich wöchentlich mehr Stunden gearbeitet als heute. Mit dem Unterschied, dass es mir damals egal war. Der Rest der Zeit ging für’s Spaß haben drauf. Schlafen kann man auch noch, wenn man alt ist. Wenn ich nicht gearbeitet, gefeiert oder gevögelt habe, habe ich fotografiert und Videos gedreht.
Nun bin ich wohl alt und verbringe meine Zeit am liebsten im Bett. Einem Ort der Ruhe und Besinnung. Ich lese, schreibe lange, nichtssagende Texte für’s Internet, denke nach und träume. Von Dingen, die ich tun möchte, Menschen, die ich lieben (und vögeln) möchte, von zukünftigen Erlebnissen und Abenteuern. Ab und zu versuche ich, mich gehen zu lassen, zu feiern, etwas zu malen, zu fotografieren, zu schreiben, zu erschaffen, aber nach einem erfolgreichen Abend des Versuchens folgt der Euphorie Desinteresse.
Habe ich mich in gerade mal zehn Jahren so unglaublich verändert? Auch heute bin ich oft unglaublich naiv. (Nun bezeichnet man dies jedoch als dumm.) Meine niedrige Hemmschwelle ist heute wohl eher ein Mangel an Takt und Einfühlungsvermögen für peinliche Situationen. Mitteilungsbedürftig bin ich offensichtlich auch jetzt noch. Irgendetwas muss sich jedoch geändert haben.
Ich will ein Stück von diesem alten Ich, dem sorglosen, freien, oberflächlichen, „fidelen“ festhalten.
Vielleicht habe ich mich deshalb am letzten Wochenende unglaublich mit Wodka betrunken und diesen armen, süßen, unschuldigen Mann brutalst abgeschleppt. Er hatte überhaupt gar keine Chance, sich zu wehren (und das hat er sogar versucht, wenn mich mein inzwischen um die Hälfte dezimiertes Hirn nicht um seine Erinnerungen betrügt). Einmal wieder wie eine Zwanzigjährige fühlen, ohne negative Gedanken oder ein schlechtes Gewissen. Sich von seinen Trieben leiten lassen. Es hat großen Spaß gemacht.

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