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GEDENKTAG
cassandra, Mittwoch, 10. November 2004, 02:55
Filed under: Erinnerungen
Eigentlich ist es bereits zwei Stunden zu spät. Aber vor lauter durch die Auswirkungen des Kapitalismus verursachten, dass konnte ich mir jetzt nicht verkneifen Stress habe ich es ganz vergessen. Ich gedenke heute den Ereignissen, die unbeabsichtigt dazu geführt haben, dass ich hier sitze und der Mensch bin, der ich bin. Ich möchte meine Vergangenheit nicht missen, bin glücklich, auf eine Art und Weise aufgewachsen und erzogen worden zu sein, die immer Bestandteil meiner Persönlichkeit sein wird und die Chance erhalten zu haben, einen Gesellschaftwandel - was es letzten Endes für mich darstellt, unabhängig von seinen Vor- und Nachteilen - miterlebt zu haben.
Den Mauerfall habe ich als ursprüngliche Potsdamerin (!) und extrem wohlbehütetes Töchterchen eines NVA Offiziers und einer Lehrerin, nicht einmal wirklich miterlebt.
Ich wachte eines Morgens auf und sie war weg. Ich erfuhr den Meilenstein der deutschen Geschichte zwischen Toast und einer Tasse Milch. "Hä? Quatsch." War wohl meine damalige Reaktion.
Erst zwei Tage später durfte ich den wilden Westen entdecken. Er hatte stets diesen eigenartigen Geruch. Ich kann ihn nicht beschreiben. Selbst eine heimlich in den Osten geschmuggelte Bravo oder Popcorn hatte diesen Geruch. Ich habe ihn immer als Geruch des Westens bezeichnet. Exotisch. Eine Mischung aus Gewürzen, Parfümen, Vielfalt, Freiheiten, Abgründen, Erlebnissen. Als ich das erste Mal durch ein Kaufhaus in West-Berlin lief, waren es nicht die Farben, Produkte, Bilder und die Vielfalt, die mich schwindelig machten, sondern einzig und allein die unzähligen Düfte, die mich in Trance versetzten. Es ist so unglaublich schade, dass ich die Fähigkeit, diesen Geruch wahrzunehmen, bereits nach wenigen Wochen verloren habe.
Viel ist in 15 Jahren passiert. Ich möchte nicht darauf eingehen, was dabei gut oder schlecht gelaufen ist.
Ich geniesse es einfach, hier gerade auf meinem Sofa zu sitzen, nicht als Ossi oder Wessi oder Deutscher, sondern als Mensch, der durch seine Vergangenheit geprägt wurde.
Den Mauerfall habe ich als ursprüngliche Potsdamerin (!) und extrem wohlbehütetes Töchterchen eines NVA Offiziers und einer Lehrerin, nicht einmal wirklich miterlebt.
Ich wachte eines Morgens auf und sie war weg. Ich erfuhr den Meilenstein der deutschen Geschichte zwischen Toast und einer Tasse Milch. "Hä? Quatsch." War wohl meine damalige Reaktion.
Erst zwei Tage später durfte ich den wilden Westen entdecken. Er hatte stets diesen eigenartigen Geruch. Ich kann ihn nicht beschreiben. Selbst eine heimlich in den Osten geschmuggelte Bravo oder Popcorn hatte diesen Geruch. Ich habe ihn immer als Geruch des Westens bezeichnet. Exotisch. Eine Mischung aus Gewürzen, Parfümen, Vielfalt, Freiheiten, Abgründen, Erlebnissen. Als ich das erste Mal durch ein Kaufhaus in West-Berlin lief, waren es nicht die Farben, Produkte, Bilder und die Vielfalt, die mich schwindelig machten, sondern einzig und allein die unzähligen Düfte, die mich in Trance versetzten. Es ist so unglaublich schade, dass ich die Fähigkeit, diesen Geruch wahrzunehmen, bereits nach wenigen Wochen verloren habe.
Viel ist in 15 Jahren passiert. Ich möchte nicht darauf eingehen, was dabei gut oder schlecht gelaufen ist.
Ich geniesse es einfach, hier gerade auf meinem Sofa zu sitzen, nicht als Ossi oder Wessi oder Deutscher, sondern als Mensch, der durch seine Vergangenheit geprägt wurde.
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DIE BELGIEN FOTOSAFARI
cassandra, Mittwoch, 10. November 2004, 01:16
Filed under: Auf Reisen
Da ich jetzt so ewig gebraucht habe, zu kapieren, wie man Text um seine Bilder fließen lässt, werde ich den zu diesem Bild dazu gehörigen Text wohl erst morgen oder übermorgen schreiben. Aber ich kann es jetzt! Ich schreibe eigentlich nur noch ein paar Worte, um diesen wunderschönen Effekt noch einmal richtig deutlich zu machen. Ach ist das hübsch... Ich sehe gerade, Bild zu groß. Egal...Kommentare (8 Kommentare) Kommentieren
DER MANN, DER BEINAHE IN MEINEM BADEZIMMER STARB
cassandra, Sonntag, 7. November 2004, 01:43
Filed under: Soehne
hat sich neulich bei mir gemeldet. Mich ereilte eine SMS mit dem Wortlaut: „Bin gerade in der Stadt. Wollen wir uns auf einen Kaffee treffen und uns mal wieder anzicken?“. Ich schrieb ihm zurück, dass ich keine Lust habe. Er antwortete: „Ich eigentlich auch nicht.“
Ich glaube, er ist hierher gezogen, arbeitet jetzt in der neu-eröffneten Niederlassung unserer Konkurrenz.
Diese Geschichte ist bereits fast zwei Jahre her. Eine weitere kurze aber langatmige Anekdote aus meinem lustigen Singleleben.
Ich hatte mich mal wieder in die Idee verrannt, in jemanden verliebt zu sein. Er behandelte mich mit dieser Mischung aus Interesse und Gleichgültigkeit, die bei mir offensichtlich prinzipiell das Hirn ausschaltet. Eigentlich kannte ich ihn gar nicht. Wir hatten bei einigen Projekten zusammen gearbeitet. Monatelang spielte er kleine Psycho-Spielchen, die mich zu einem unsicheren, komplexbeladenen Geschöpf machten. Manchmal war er total lieb und suchte meine Nähe, nur um mir im nächsten Augenblick mit dem Baseballschläger eins überzuziehen.
Der Sex mit ihm war miserabel. Aber auch sehr lehrreich. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich schlechten Sex immer mit einer Art Aerobic Stunde verglichen. Stumpfsinnige Bewegungen zu dümmlicher Musik, langweilig, langatmig und anstrengend. Aber man fühlt sich danach angenehm leer und erschöpft. Selbst schlechter Sex ist also nicht wirklich schlecht. Nur belanglos. Bis ich mit diesem Herren die körperliche Vereinigung vollzog. Die Tragödie war noch nicht einmal in mangelndem Begehren begründet. Wir waren geil aufeinander. Wir verbrachten elektrisierende Abende in Kneipen und Bars miteinander. Saßen stundenlang knutschend in dunklen Ecken herniedergekommener Spelunken. Selbst wenn wir nur job-bezogen miteinander zu tun hatten, war da stets eine unterschwellige Spannung zwischen uns. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Wohnungstür schloss. Ab da war es nur noch grauenvoll. Scheinbar gibt es Menschen, die nicht dafür bestimmt sind, miteinander zu verkehren. Trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, versucht man es immer wieder. Das Ego will sich einfach nicht mit der Tatsache abfinden, schlechten Sex zu haben.
Er kommt ursprünglich aus meiner Stadt und benutze meine Wohnung als Hotelzimmer, wenn er seine Freunde besuchte. Seine Mutter wohnt zwar auch hier, aber ich war weniger nervig und bot die besagte Möglichkeit, das Selbstwertgefühl wieder herzustellen.
An einem schönen Morgen in einem vergangenen Sommer, nach einem erneuten Akt der Frustration wollte er duschen. Unschlüssig streifte ich in meinem hellblauen Bademantel durch die Wohnung. Ich überlegte, wie es weitergehen sollte. Es ging nicht um den großen Plan. Langsam näherte ich mich der Erkenntnis, dass mir nicht wirklich etwas an ihm lag. Meine Gedanken kreisten um das Thema der Nahrungsaufnahme. Ich bin ein ausgesprochen wohl erzogenes Persönchen und es liegt mir nicht, jemanden einfach vor die Tür zu setzen. Sollte ich Frühstück machen oder ihn zu selbigem außerhalb der Wohnung einladen? Ein plötzlicher Rumms riss mich aus meinen tiefschürfenden Entscheidungsfindungssprozess. Erschrocken sah ich mich um. Die Vertiefung in innere Konflikte macht ja bekanntlich blind für die Details der Umwelt und so war es gut möglich, dass mir da gerade was entgangen war. Alles sah so aus wie immer. In meiner Erinnerung konnte ich die Richtung des Geräusches nicht orten. Es war laut gewesen und klang metallisch. Vielleicht war ja der Schrank mit den Reinigungsmitteln in der Gästetoilette heruntergefallen. Ich hatte ihn selbst angebracht und daher lag diese Möglichkeit durchaus im Bereich des wahrscheinlichen. Ich warf einen Blick hinein. Nichts. Unschuldig hing der Schrank an der Wand. In diesem Moment rummste es erneut. Lauter als beim letzten Mal. Es klang, als würde Glas zerspringen. Diesmal war ich mir sicher, dass der Lärm aus dem Bad kam. Doch ihm folgte kein peinlich-berührtes „Oh. Tut mir leid, ich habe da gerade...“ Warum zerlegte der Kerl mein Badezimmer? Klopft man in einem solchen Moment eigentlich an? Ich weiss nicht mehr, ob ich es tat. Als ich vorsichtig versuchte, die Tür zu öffnen, war sie von innen blockiert. Ich drückte ein bißchen fester und da sah ich ihn. Er lag auf dem Boden. Sein Gesicht war grau. Blut und Schaum spuckte aus seinem Mund. In seinen Augen war nur noch das Weisse zu sehen und sein Körper zuckte wild hin und her. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich tat. Ich glaube, ich wurde hysterisch. Schrie und weinte. Redete auf ihn ein, schüttelte ihn. Seltsamerweise weiss ich noch genau was ich dachte. Ich habe noch nie einen Schlaganfall oder Herzinfarkt gesehen. Auch keinen epileptischen Anfall. Ich wusste nur: der Typ stirbt gerade. In meinem Badezimmer. Und er ist nackt. Sein Handy liegt auf dem Tisch in der Küche. Ich muss seine Mutter anrufen. Unter welchen Namen hat er sie wohl abgespeichert? Ich muss sie anrufen, ihr erklären, warum sie gar nicht weiss, dass ihr Sohn in der Stadt ist. Und muss ihr erklären, warum ihr Sohn nackt auf meinen weissen Badezimmerfliesen gestorben ist. Jemand anderes musste es ihr erklären. Ich wählte den Notruf der Feuerwehr. Machte aber nichts. Die sitzen nämlich gleich um die Ecke und haben eigene Krankenwagen. Innerhalb von 5 Minuten waren sie da. Die Jungs stellten mir dutzende Fragen, die ich nicht beantworten konnte. „Ist das schon mal vorgekommen?“, „Weiss ich nicht.“, „Geburtsdatum?“ Schulterzucken und große Augen, „Nimmt er Medikamente?“ „Keine Ahnung.“, „Lass uns mal im Badezimmer nachsehen, ob da Medikamente rumstehen.“, „Das ist mein Badezimmer. Da stehen keine Medikamente von ihm rum.“. In diesem Augenblick begriffen sie wohl die Situation und grinsten sich wissend an. Plötzlich war mir das ganze peinlich. Auch die Tatsache, dass ich gedacht hatte, dass er sterben würde. Da saß der arme Kerl nun auf meinem Sofa. Splitterfasernackt. Konnte sich kaum aufrecht halten. Kam langsam zu sich. Wusste nicht, wie er heisst und wo er war. Ich begleitete ihn ins Krankenhaus und danach gingen wir frühstücken. Es stellte sich heraus, dass er des öfteren derartige Anfälle hat. In der Regel, wenn er in den Tagen davor viel „gefeiert“ hatte. Ich wollte gar nicht wissen, was er damit meinte. Er machte mir Vorwürfe, dass ich überhaupt einen Krankenwagen gerufen hatte. Dann fuhr er nach Hause.
Ich wollte nicht nach Hause und spazierte stundenlang durch die Gegend. Die ganze Zeit hatte ich diesen merkwürdigen Geruch in der Nase, von dem mir ganz schlecht wurde. Es roch nach Eisen, Tod, vielleicht auch nur nach Blut. Als ich irgendwann dann doch nach Hause kam und das blutbespritzte Bad säuberte, musste ich mich übergeben. An diesem Tag blieb ich sehr lange auf. Ich hatte Angst, ins Bett zu gehen. Hatte Angst, diese Bilder nicht aus meinem Kopf zu bekommen. Irgendwann konnte ich mich jedoch nicht mehr länger auf den Beinen halten. Ich ging ins Bad, zog mich aus, den Bademantel an und schaute in den Spiegel. Der Kragen des Bademantels war blutgetränkt. Ich erinnerte mich, dass ich ihn in den Arm genommen und an mich gedrückt habe, während ich weinte.
Ich glaube, er ist hierher gezogen, arbeitet jetzt in der neu-eröffneten Niederlassung unserer Konkurrenz.
Diese Geschichte ist bereits fast zwei Jahre her. Eine weitere kurze aber langatmige Anekdote aus meinem lustigen Singleleben.
Ich hatte mich mal wieder in die Idee verrannt, in jemanden verliebt zu sein. Er behandelte mich mit dieser Mischung aus Interesse und Gleichgültigkeit, die bei mir offensichtlich prinzipiell das Hirn ausschaltet. Eigentlich kannte ich ihn gar nicht. Wir hatten bei einigen Projekten zusammen gearbeitet. Monatelang spielte er kleine Psycho-Spielchen, die mich zu einem unsicheren, komplexbeladenen Geschöpf machten. Manchmal war er total lieb und suchte meine Nähe, nur um mir im nächsten Augenblick mit dem Baseballschläger eins überzuziehen.
Der Sex mit ihm war miserabel. Aber auch sehr lehrreich. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich schlechten Sex immer mit einer Art Aerobic Stunde verglichen. Stumpfsinnige Bewegungen zu dümmlicher Musik, langweilig, langatmig und anstrengend. Aber man fühlt sich danach angenehm leer und erschöpft. Selbst schlechter Sex ist also nicht wirklich schlecht. Nur belanglos. Bis ich mit diesem Herren die körperliche Vereinigung vollzog. Die Tragödie war noch nicht einmal in mangelndem Begehren begründet. Wir waren geil aufeinander. Wir verbrachten elektrisierende Abende in Kneipen und Bars miteinander. Saßen stundenlang knutschend in dunklen Ecken herniedergekommener Spelunken. Selbst wenn wir nur job-bezogen miteinander zu tun hatten, war da stets eine unterschwellige Spannung zwischen uns. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Wohnungstür schloss. Ab da war es nur noch grauenvoll. Scheinbar gibt es Menschen, die nicht dafür bestimmt sind, miteinander zu verkehren. Trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, versucht man es immer wieder. Das Ego will sich einfach nicht mit der Tatsache abfinden, schlechten Sex zu haben.
Er kommt ursprünglich aus meiner Stadt und benutze meine Wohnung als Hotelzimmer, wenn er seine Freunde besuchte. Seine Mutter wohnt zwar auch hier, aber ich war weniger nervig und bot die besagte Möglichkeit, das Selbstwertgefühl wieder herzustellen.
An einem schönen Morgen in einem vergangenen Sommer, nach einem erneuten Akt der Frustration wollte er duschen. Unschlüssig streifte ich in meinem hellblauen Bademantel durch die Wohnung. Ich überlegte, wie es weitergehen sollte. Es ging nicht um den großen Plan. Langsam näherte ich mich der Erkenntnis, dass mir nicht wirklich etwas an ihm lag. Meine Gedanken kreisten um das Thema der Nahrungsaufnahme. Ich bin ein ausgesprochen wohl erzogenes Persönchen und es liegt mir nicht, jemanden einfach vor die Tür zu setzen. Sollte ich Frühstück machen oder ihn zu selbigem außerhalb der Wohnung einladen? Ein plötzlicher Rumms riss mich aus meinen tiefschürfenden Entscheidungsfindungssprozess. Erschrocken sah ich mich um. Die Vertiefung in innere Konflikte macht ja bekanntlich blind für die Details der Umwelt und so war es gut möglich, dass mir da gerade was entgangen war. Alles sah so aus wie immer. In meiner Erinnerung konnte ich die Richtung des Geräusches nicht orten. Es war laut gewesen und klang metallisch. Vielleicht war ja der Schrank mit den Reinigungsmitteln in der Gästetoilette heruntergefallen. Ich hatte ihn selbst angebracht und daher lag diese Möglichkeit durchaus im Bereich des wahrscheinlichen. Ich warf einen Blick hinein. Nichts. Unschuldig hing der Schrank an der Wand. In diesem Moment rummste es erneut. Lauter als beim letzten Mal. Es klang, als würde Glas zerspringen. Diesmal war ich mir sicher, dass der Lärm aus dem Bad kam. Doch ihm folgte kein peinlich-berührtes „Oh. Tut mir leid, ich habe da gerade...“ Warum zerlegte der Kerl mein Badezimmer? Klopft man in einem solchen Moment eigentlich an? Ich weiss nicht mehr, ob ich es tat. Als ich vorsichtig versuchte, die Tür zu öffnen, war sie von innen blockiert. Ich drückte ein bißchen fester und da sah ich ihn. Er lag auf dem Boden. Sein Gesicht war grau. Blut und Schaum spuckte aus seinem Mund. In seinen Augen war nur noch das Weisse zu sehen und sein Körper zuckte wild hin und her. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich tat. Ich glaube, ich wurde hysterisch. Schrie und weinte. Redete auf ihn ein, schüttelte ihn. Seltsamerweise weiss ich noch genau was ich dachte. Ich habe noch nie einen Schlaganfall oder Herzinfarkt gesehen. Auch keinen epileptischen Anfall. Ich wusste nur: der Typ stirbt gerade. In meinem Badezimmer. Und er ist nackt. Sein Handy liegt auf dem Tisch in der Küche. Ich muss seine Mutter anrufen. Unter welchen Namen hat er sie wohl abgespeichert? Ich muss sie anrufen, ihr erklären, warum sie gar nicht weiss, dass ihr Sohn in der Stadt ist. Und muss ihr erklären, warum ihr Sohn nackt auf meinen weissen Badezimmerfliesen gestorben ist. Jemand anderes musste es ihr erklären. Ich wählte den Notruf der Feuerwehr. Machte aber nichts. Die sitzen nämlich gleich um die Ecke und haben eigene Krankenwagen. Innerhalb von 5 Minuten waren sie da. Die Jungs stellten mir dutzende Fragen, die ich nicht beantworten konnte. „Ist das schon mal vorgekommen?“, „Weiss ich nicht.“, „Geburtsdatum?“ Schulterzucken und große Augen, „Nimmt er Medikamente?“ „Keine Ahnung.“, „Lass uns mal im Badezimmer nachsehen, ob da Medikamente rumstehen.“, „Das ist mein Badezimmer. Da stehen keine Medikamente von ihm rum.“. In diesem Augenblick begriffen sie wohl die Situation und grinsten sich wissend an. Plötzlich war mir das ganze peinlich. Auch die Tatsache, dass ich gedacht hatte, dass er sterben würde. Da saß der arme Kerl nun auf meinem Sofa. Splitterfasernackt. Konnte sich kaum aufrecht halten. Kam langsam zu sich. Wusste nicht, wie er heisst und wo er war. Ich begleitete ihn ins Krankenhaus und danach gingen wir frühstücken. Es stellte sich heraus, dass er des öfteren derartige Anfälle hat. In der Regel, wenn er in den Tagen davor viel „gefeiert“ hatte. Ich wollte gar nicht wissen, was er damit meinte. Er machte mir Vorwürfe, dass ich überhaupt einen Krankenwagen gerufen hatte. Dann fuhr er nach Hause.
Ich wollte nicht nach Hause und spazierte stundenlang durch die Gegend. Die ganze Zeit hatte ich diesen merkwürdigen Geruch in der Nase, von dem mir ganz schlecht wurde. Es roch nach Eisen, Tod, vielleicht auch nur nach Blut. Als ich irgendwann dann doch nach Hause kam und das blutbespritzte Bad säuberte, musste ich mich übergeben. An diesem Tag blieb ich sehr lange auf. Ich hatte Angst, ins Bett zu gehen. Hatte Angst, diese Bilder nicht aus meinem Kopf zu bekommen. Irgendwann konnte ich mich jedoch nicht mehr länger auf den Beinen halten. Ich ging ins Bad, zog mich aus, den Bademantel an und schaute in den Spiegel. Der Kragen des Bademantels war blutgetränkt. Ich erinnerte mich, dass ich ihn in den Arm genommen und an mich gedrückt habe, während ich weinte.
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JAMMERTAL
cassandra, Samstag, 6. November 2004, 19:33
Filed under: Alltag
Nun habe auch endlich ich mein wohlverdientes Wochenende. Trotz Fieber, Gliederschmerzen, einer Nase, die in einem fort Flüssigkeiten absondert, verquollenen Augen, dumpfem Kopf und diesen roten, geschwollenen Flecken im Gesicht - die Strafe dafür, dass ich gestern nacht die Zellstofftaschentücher, die nach einmal reinschneuzen pitschnass und kaputt waren, leid wurde und auf das dickere (und rauhere) Küchenpapier umgestiegen bin - habe ich mich heute ins Büro gequält.
Eigentlich hatte auch das nicht mehr wirklich einen Sinn. Meiner Meinung nach sollten wir die Firma schließen. Auf Grund von Unpässlichkeit. Irgendwie ist momentan der Wurm drin. Traurige Bilanz dieser Woche: eine Mitarbeiterin im Krankenhaus, nachdem sie bei der Arbeit zusammenbrach, Verdacht auf Gallensteine. Zwei weitere Kolleginnen ebenfalls im Krankenhaus: bei der einen wurde ein Tumor gefunden, die andere lässt ihre zusammengeklebten Eierstöcke säubern. Zwei Leute leiden an intervallartigen Brechanfällen, zwei sind erkältet, einer hat Sonderurlaub wegen eines Todesfalls in der Familie, eine hat eine durch einen Autounfall verursachte Gehirnerschütterung (kam am Freitag und auch heute trotzdem ins Büro, damit ich nicht ganz allein bin), eine hat ein krankes Kind (vermutlich die Ursache für die Krankheit der zwei sich übergebenen) und mein Chef hat am Mittwoch einen Motorradfahrer von der Straße gefegt.
Angesichts von soviel Scheiße an den Schuhen ist es nachvollziehbar, dass ich die letzten Tage stets bis weit nach Mitternacht arbeiten musste und es mir auch nicht erlauben kann, krank zu sein. Ich bin es aber nun leider und daher habe ich beschlossen, die nächsten 37 Stunden dieses Elend vollkommen auszukosten. Ausserhalb des Bettes verpasse ich zur Zeit vermutlich eh nichts. Missmutige nasse gelbe Blätter hängen von den Bäumen. Die Gesichter der Menschen auf den Straßen sind grau und grummelig. Der Himmel ist düster und lässt seine schlechte Laune herabregnen. Dann sich doch lieber in die Decke kuscheln, husten, keuchen, niesen und schnauben. Wo sind eigentlich diese fürsorglichen netten Krankenpfleger, wenn man mal einen braucht? Gibt es die überhaupt? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich jemals ein männliches Wesen liebevoll um mich gekümmert hat, wenn ich einem Gebrechen erlag. Wenn ich so in meinem Gedächnis krame, kommen mir nur Situationen in den Sinn, in denen ich bei einem Herren Krankenpflege betrieben habe. Bis auf meine Mutter hat noch nie jemand mein fiebriges Händchen gehalten, mir tröstend ein paar Umschläge gemacht, mir Tee ans Bett gebracht und aus einem Buch vorgelesen. Wie passend. Nun gesellt sich zu meinem armseligen körperlichen Zustand auch noch Einsamkeit.
Nun, ich bin allem gewappnet. Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner. Um meine provisorische Bettstatt türmen sich Zeitschriften, Bücher, 2 Filme aus der Videothek, eine Familienpackung Zellstofftaschentücher, ein stattlicher Vorrat an Getränken und Zigaretten und auf dem Herd kocht ein großer Topf mit Hühnersuppe. Was auch immer jetzt geschehen mag, bis Montag brauche ich mich nicht mehr aus der Wohnung bewegen und darf mich so richtig scheiße fühlen.
Eigentlich hatte auch das nicht mehr wirklich einen Sinn. Meiner Meinung nach sollten wir die Firma schließen. Auf Grund von Unpässlichkeit. Irgendwie ist momentan der Wurm drin. Traurige Bilanz dieser Woche: eine Mitarbeiterin im Krankenhaus, nachdem sie bei der Arbeit zusammenbrach, Verdacht auf Gallensteine. Zwei weitere Kolleginnen ebenfalls im Krankenhaus: bei der einen wurde ein Tumor gefunden, die andere lässt ihre zusammengeklebten Eierstöcke säubern. Zwei Leute leiden an intervallartigen Brechanfällen, zwei sind erkältet, einer hat Sonderurlaub wegen eines Todesfalls in der Familie, eine hat eine durch einen Autounfall verursachte Gehirnerschütterung (kam am Freitag und auch heute trotzdem ins Büro, damit ich nicht ganz allein bin), eine hat ein krankes Kind (vermutlich die Ursache für die Krankheit der zwei sich übergebenen) und mein Chef hat am Mittwoch einen Motorradfahrer von der Straße gefegt.
Angesichts von soviel Scheiße an den Schuhen ist es nachvollziehbar, dass ich die letzten Tage stets bis weit nach Mitternacht arbeiten musste und es mir auch nicht erlauben kann, krank zu sein. Ich bin es aber nun leider und daher habe ich beschlossen, die nächsten 37 Stunden dieses Elend vollkommen auszukosten. Ausserhalb des Bettes verpasse ich zur Zeit vermutlich eh nichts. Missmutige nasse gelbe Blätter hängen von den Bäumen. Die Gesichter der Menschen auf den Straßen sind grau und grummelig. Der Himmel ist düster und lässt seine schlechte Laune herabregnen. Dann sich doch lieber in die Decke kuscheln, husten, keuchen, niesen und schnauben. Wo sind eigentlich diese fürsorglichen netten Krankenpfleger, wenn man mal einen braucht? Gibt es die überhaupt? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich jemals ein männliches Wesen liebevoll um mich gekümmert hat, wenn ich einem Gebrechen erlag. Wenn ich so in meinem Gedächnis krame, kommen mir nur Situationen in den Sinn, in denen ich bei einem Herren Krankenpflege betrieben habe. Bis auf meine Mutter hat noch nie jemand mein fiebriges Händchen gehalten, mir tröstend ein paar Umschläge gemacht, mir Tee ans Bett gebracht und aus einem Buch vorgelesen. Wie passend. Nun gesellt sich zu meinem armseligen körperlichen Zustand auch noch Einsamkeit.
Nun, ich bin allem gewappnet. Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner. Um meine provisorische Bettstatt türmen sich Zeitschriften, Bücher, 2 Filme aus der Videothek, eine Familienpackung Zellstofftaschentücher, ein stattlicher Vorrat an Getränken und Zigaretten und auf dem Herd kocht ein großer Topf mit Hühnersuppe. Was auch immer jetzt geschehen mag, bis Montag brauche ich mich nicht mehr aus der Wohnung bewegen und darf mich so richtig scheiße fühlen.
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cassandra, Donnerstag, 4. November 2004, 22:32
Filed under: Alltag
Anlässlich der Blödheit auf dieser Welt werde ich mich ein paar Tage in Schweigen hüllen.
Nun gut. Nicht nur aus diesem Grunde. Ich muss zur Zeit sehr viel arbeiten. Ich habe das dumpfe Gefühl, die Ursache dafür sind in den Ergebnissen diesesverflixten Firmenseminars zu finden. Ich bin gerade erst nach Hause gekommen, um nun hier weiterzumachen. Wenigstens habe ich jetzt ein tröstendes Glas Rotwein neben mir, dass mir Gesellschaft leistet. Da man, wenn man nur schläft und arbeitet auch nichts erlebt, gibt es nichts zu schwätzen.
Ich hatte gehofft, dass meine geplanten Wochenendausflüge nach Hamburg und Wien mir wieder einen Eindruck vom Leben vermitteln würden, aber es scheint, dass ich die nächsten zwei Wochenenden ebenfalls in der Tretmühle gefangen bleibe.
Das bedeutet dann wohl Verantwortung: Selbstaufgabe.
P.S.: Freitag, 02:09 Uhr, jetzt darf ich schlafen gehen.
P.P.S.: Das schreibe ich nur, weil ich mir selbst ganz furchtbar leid tu'.
Nun gut. Nicht nur aus diesem Grunde. Ich muss zur Zeit sehr viel arbeiten. Ich habe das dumpfe Gefühl, die Ursache dafür sind in den Ergebnissen dieses
Ich hatte gehofft, dass meine geplanten Wochenendausflüge nach Hamburg und Wien mir wieder einen Eindruck vom Leben vermitteln würden, aber es scheint, dass ich die nächsten zwei Wochenenden ebenfalls in der Tretmühle gefangen bleibe.
Das bedeutet dann wohl Verantwortung: Selbstaufgabe.
P.S.: Freitag, 02:09 Uhr, jetzt darf ich schlafen gehen.
P.P.S.: Das schreibe ich nur, weil ich mir selbst ganz furchtbar leid tu'.
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